Per Anhalter durch die Galaxis: So weit draußen ist das neue Bilderbuch-Album

"Vernissage My Heart" von Bilderbuch

Sebastian Fasthuber
FALTER 7/2019

Vernissage My Heart
Bilderbuch
UNIVERSAL - 2019
19,50

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Mit „Schick Schock“ und „Maschin“ hatten Bilderbuch ihren großen Auftritt. War diese Phase das musikalische Äquivalent zum Lamborghini, so ging es 2017 auf „Magic Life“ und „Bungalow“ mit weniger PS, skodamäßig, weiter. Ende 2018 veröffentlichte die Band das Album „Mea Culpa“ und fuhr Taxi. In diesem Bild weitergedacht, bewegt sich das Wiener Quartett auf dem neuen Werk „Vernissage My Heart“ nun per Anhalter durch die Galaxis, ohne festgelegtes Ziel.

Es ist aufregend, der wahrscheinlich besten, ganz sicher mutigsten Band der deutschsprachigen Popmusik dabei zuzuhören, wie sie sich an Orte bewegt, die in der Form noch niemand betreten hat. Jeder Song, ja, jede Wendung in einem Song kann eine Tür in eine andere Welt aufstoßen. Rauer Rock ist zu hören, Keyboards wie aus alten Italo-Pop-Hits, Funk, Gospel, sogar Echos von Jazz und Bossa Nova. Bilderbuch befinden sich gerade mitten in ihrer psychedelischen Experimentierphase. Anstatt sich noch einmal an den 80ern oder 90ern abzuarbeiten, fliegen sie im Hippie-Modus.

Der Unterschied zu ihren frühen Hits ist, dass die neuen Stücke uneindeutiger sind und dadurch nicht den Punch haben wie die Kracher aus der ersten Hochphase. Im Grunde sind Bilderbuch bei aller Zeitgenossenschaft eine altmodische Band, die an Alben glaubt und darauf vertraut, dass sich gute Musik – ob sie nun gleich knallt oder nicht – durchsetzen wird. Beim neuen Stoff braucht es zwei, drei Durchläufe, bis sich der Wow-Effekt dann doch einstellt und die Gänsehaut kommt.

„Vernissage My Heart“ hat auch große, umarmende Momente. Die Single „LED Go“, die an dritter Stelle platziert ist, ist der erste. Das Album gipfelt im Gospelrefrain von „Ich hab Gefühle“, der Zeitdiagnose und Euphorie in sich vereint: „Manchmal da fühl ich diese Welt. Sie braucht mich / Die meiste Zeit, da fühl ich überhaupt nichts / Doch manchmal fühl ich diese Welt. Sie braucht mich.“ Und es endet mit „Europa 22“, einem Manifest über einen Kontinent ohne Grenzen: „Nichts hält dich mehr auf.“ Bei allem Forscherdrang vergessen die Boys nicht darauf, was Pop verlangt und ausmacht: Refrains, Gefühle, Leichtigkeit.


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