Hier rockt das Cello mit der Geige

"Dynamo" von Bartolomey,Matthias/ Bittmann,Klemens

Miriam Damev
FALTER 17/2019

Dynamo
Bartolomey,Matthias/ Bittmann,Klemens
ACT - 2019
20,90

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Zwei Virtuosen zwischen Klassik und Weltmusik: BartolomeyBittmann legen ein großartiges neues Album vor

Ein bisschen müde schauen die Jungs von BartolomeyBittmann aus. Via Skype hat man sich zum morgendlichen Interview verabredet. Der Cellist Matthias Bartolomey und der Geiger Klemens Bittmann sind gerade in Linz, wo sie am Vorabend den Posthof mit ihrem neuen Album „Dynamo“ gerockt haben. Es ist nach „Meridian“ und „Neubau“ die dritte CD des Duos.

Seit 2012 arbeiten die beiden Musiker zusammen, kennengelernt haben sie sich im Rahmen eines Kammermusikprojekts. „Die Chemie hat sofort gestimmt“, sagt Matthias Bartolomey. Wenig später trafen sie sich zur ersten gemeinsamen Jamsession. „Wir hatten gleich ein gemeinsames Gefühl für Time und Groove“, erzählt Klemens Bittmann, „und wir waren an einem Punkt, wo wir neue und innovative musikalische Wege gehen wollten, jenseits von Genregrenzen und Schubladendenken.“ Der Erfolg gibt ihnen Recht: Inzwischen treten sie in der Sargfabrik ebenso wie im Goldenen Saal des Musikvereins auf, beim Kammermusikfest Lockenhaus, im Wiener Konzerthaus oder Salzburger Mozarteum.

Als Duo sind die beiden eine ungewöhnliche Kombi. Matthias Bartolomey kommt aus einer Musikerfamilie, lernt wie sein Vater Cello und schlägt zunächst eine klassische Laufbahn ein, unter anderem als Solo-Cellist des Concentus Musicus Wien. Klemens Bittmann spielt Geige, greift mit 15 zur E-Gitarre, studiert dann Violine an der Musikuni in Graz sowie Jazzgeige bei Didier Lockwood in Paris und macht sich in Ensembles wie Folksmilch oder Beefolk einen Namen.

Als Duo komponieren BartolomeyBittmann ihre eigene Musik und verbinden dabei unterschiedliche Stile wie Klassik, Groove, Jazz, Rock oder Pop ganz selbstverständlich miteinander – Crossover im besten Sinne des Wortes. „Bei den Komponiersessions bringt jeder seine Ideen mit. Dann überlegen wir, welche Grenzen wir an unseren Instrumenten ausloten oder welche Spieltechniken wir hineinbringen wollen“, erzählt Klemens Bittmann. Es ist eine Art gemeinsame Entdeckungsreise, von der man nie weiß, wohin sie führt. So endet der Song „Westen“, ganz anders als geplant, in einer totalen Kakophonie. Bei „Kristallos“ peitscht Bittmann mit dem Bogen durch die Luft und erzeugt damit einen ganz eigenen Klang. Das Stück „Elefant“ ist BartolomeyBittmanns Lieblingsrestaurant „Elefant & Castle“ gewidmet: eine Folk-inspirierte Nummer, in der Bittmann auf seiner eigens entwickelten Mandola zupft während sein Kollege auf dem Cello groovt.

„Haim“ wiederum ist eine zarte, indisch angehauchte Nummer. Sie ist Maria Haim, der „Neinstimme von Altaussee“ gewidmet, die 1938 als einzige gegen den Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland stimmte. Das Video zu „Neptun“ haben BartolomeyBittmann im AKW Zwentendorf gedreht, in dem Bereich, wo ursprünglich die Kernspaltung hätte stattfinden sollen. Matthias Bartolomey und Klemens Bittmann sind, jeder für sich und gemeinsam als Band, eine Ausnahmeerscheinung. Ihre Musik ist mal virtuos und verspielt, mal fetzig und rockig, mal sanft und melancholisch, aber immer fesselnd vom ersten bis zum letzten Ton.

Wer in den Songs übrigens eine Frauenstimme zu hören glaubt, irrt: die beiden Musiker setzen nicht nur ihre Instrumente und Körper, sondern auch ihre Stimmen ein. Klemens Bittmann arbeitet sich dabei bis ins hohe Sopranregister vor. Die Musiker nennen das „No limits“.


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