"Ich bin der eine von uns beiden" von Andreas Dorau


FALTER 21/2005

Ich bin der eine von uns beiden
Andreas Dorau
Mute/EMI 2005

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"Ich bin keine Kunstfigur" Als Teenager war Andreas Dorau ein NDW-Star wider Willen. Heute träumt der einstige "Fred vom Jupiter" vom großen Pop-Epos, wird noch immer als Spaßvogel verkannt und hat soeben sein erstes Album seit acht Jahren herausgebracht. "Singt nur von Liebe ihr armen Gestalten, ich will das Elend nicht nur einfach verwalten. Ihr brüllt vor Liebe in engen Gewändern, doch einer wie ich will die Welt doch verändern." (Andreas Dorau: "Kein Liebeslied", 2005) Ausgewiesene Nachtmenschen tagsüber zu treffen kann ziemlich ernüchternd sein. Andreas Dorau zum Beispiel, der bei seinen Streifzügen durch die Hamburger Szeneläden als energiesprühender Redenschwinger und großes Partytier gilt, wirkt beim nachmittäglichen Interview am viel zu großen Besprechungstisch des Plattenfirmenbüros eher fahrig und verloren. Der für sein zeitlos-knabenhaftes Image bekannte Künstler sieht heute, mit Anfang vierzig, erstmals älter aus, als er wirklich ist. Permanent an eine Zigarette geklammert, scheint ihm die Interviewsituation auch ein knappes Vierteljahrhundert nach seinem Einstand im Popgeschäft nicht zu behagen, die Antworten fallen eher einsilbig aus. "Manch einer macht ja nie eine Schallplatte", muss so erst einmal genügen als Erklärung dafür, dass seit dem letztem Dorau-Album "70 Minuten Musik ungeklärter Herkunft" acht Jahre vergangen sind. Sechs davon habe er an "Ich bin der eine von uns beiden" gearbeitet, seiner insgesamt siebenten Platte, die einmal mehr Clubmusik und Popsong geschickt zu verknüpfen weiß. "Ich möchte anspruchsvolle Alben machen", sagt Dorau - und wundert sich selbst, was er da gerade sagt. "Nee, anspruchsvoll' ist natürlich Schwachsinn. Ich möchte abwechslungsreiche Alben machen, die musikalisch und textlich einen weiten Bogen spannen. Bis alles einen schönen Kurvenverlauf hat, das dauert eben." Anfang der Achtziger lief alles ungleich schneller. Dorau war 15 und ging noch zur Schule, als er mit einer kleinen Orgel im Kinderzimmer das Lied "Fred vom Jupiter" bastelte. "Dank Punk konntest du damals überall lesen, dass es ganz einfach sei und jeder Musik machen könne", erinnert sich Dorau und senkt seine Stimme: "Ich wollte auch in einer Band spielen, aber es gab niemanden, der mich mitmachen ließ. Also habe ich es eben alleine gemacht." Die Betreiber des Düsseldorfer Kunstpunklabels Ata Tak veröffentlichten das niedliche Drama des gestrandeten Jupitermännchens als Single und lieferten so - noch vor Trios Überflieger "Da Da Da" - die Blaupause fürs nachfolgende Neue-Deutsche-Welle-Spektakel. "Dieser ganze Markus-und-Nena-Super-GAU war ja konventionell produzierter Schlagerpop", ereiferte sich Dorau vor einigen Jahren in "Verschwende deine Jugend", Jürgen Teipels Chronik der deutschen Punkära. "Das waren einfach Mucker mit gewieften Produzenten, die auf einmal dasselbe machten wie wir - nur eben in doof. Wie sollte ich denn den Leuten erklären, wo da der Unterschied liegt? Ich kriegte Wutanfälle, wenn diese Musik lief! Ich mochte auf einmal meine eigene Musik nicht mehr leiden." "Ich wäre schön doof, wollte ich Fred vom Jupiter' rückblickend ungeschehen machen", sagt der Hamburger heute. "Ich habe dem Stück schon eine Menge zu verdanken, aber mein Verhältnis dazu ist stark gestört. Ich spiele es nie live, höre es mir nicht an und habe ein Lokal oder einen Club früher schlagartig verlassen, wenn es lief." Der bis heute konsequent am schmalen Grat zwischen Infantilität und großem Pop dahinbalancierende Musiker verweigerte einst zwar ein zweites "Fred vom Jupiter", setzte aber auch nach Ende der NDW noch auf eingängige Synthiemelodien und das Spiel mit doppelbödiger Naivität. Anfang der Neunziger, Dorau studierte damals Film in München, kam seine Begeisterung für moderne Clubmusik und die Entdeckung des Samplers dazu; 1997 gipfelte die Mischung aus Tanzmusik und Songstruktur im bislang zweiten großen Hitparadenerfolg seiner sonderbaren Karriere, "Girls in Love". Ob die Figur Andreas Dorau womöglich größer sei als ihr relativ schmales Werk, bleibt unbeantwortet. Dorau hört "Figur" und reagiert irritiert: "Ich sehe mich selbst, ich sehe Andreas Dorau nicht als Kunstfigur. Das sind schon immer meine Stücke, wobei ich durchaus ein Geheimnis daraus machen möchte, wie viel ich in den Texten über mich und mein Gefühlsleben und Erlebtes preisgebe und wie viel erfunden ist." Dass aktuelle deutsche Bands wie Wir sind Helden, Silbermond und Mia derzeit medial als "Neue NDW" gefasst werden, lässt Dorau völlig kalt. "Das sind Rockbands, da sehe ich überhaupt keine Berührungspunkte." Vor allem vom amerikanischen Rock, "den man damals partout verachtete", hätten Dorau & Co sich mit ihrer vom Punkgeist inspirierten Form elektronischer Musik ja einst absetzen wollen. "Heute hauen sich all diese Elektronikplatten in ihre immensen Menge zwar gegenseitig tot, aber wer soll den bitteschön die Auswahl treffen, wer veröffentlichen darf und wer nicht? Ich finde es gut, dass wir diesen Zustand erreicht haben!"


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