"Le Cinema De Michel Legrand" von


FALTER 25/2005

Le Cinema De Michel Legrand

Universal - 2005
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Le grand Michel Der berühmte Filmkomponist und Arrangeur Michel Legrand gastiert beim Jazzfest Wien. Eine CD-Kompilation würdigt das breite Ruvre des Hollywood-Franzosen, der sowohl für die Nouvelle Vague als auch für James Bond schrieb. Michel Legrand ist so etwas wie der europäische Burt Bacharach; oder sagen wir: der französische Burt Bacharach, was ja noch einmal etwas anderes ist. Dabei sind die Gegensätze gar nicht so einfach aufzulösen: Auf die Frage, warum man gerade ihn, einen weißen Europäer, damit beauftragt habe, den Score für die Filmbiografie von Billie Holiday zu schreiben, antwortete der Produzent und damalige Chef des legendären Soulmusik-Labels Motown, Barry Gordy: "Wir haben Sie ausgewählt, weil Sie der Einzige sind, der amerikanische Musik schreiben kann." Hm. In der Tat hat Legrand etliche seiner insgesamt 154 Filmmusiken für Hollywood komponiert: geniale Ohrwürmer wie "The Windmills of Your Mind" für Norman Jewisons "The Thomas Crown Affair" (1968), die Musik für Barbara Streisands "Yentl" (1983) oder den James-Bond-Film "Never Say Never Again" (1983). Wobei gerade die letztgenannten Arbeiten vieles von dem repräsentieren, was am damaligen Hollywood und den Achtzigern generell unerträglich war. Kurz vor ihrem Tod bemerkte Edith Piaf zu Legrand, als der 1968 trotz seiner Erfolge in der Heimat genug von Paris und der Nouvelle Vague hatte und wegen eines kleinen Dean-Martin-Filmes und eher vagen Erfolgsaussichten nach Los Angeles zog: "Wenn du in die Staaten gehst, werd bloß nicht sesshaft - sonst verlierst du dein Talent." Legrand hielt sich an den Ratschlag und kehrte den USA bereits 1970 wieder den Rücken - ohne deswegen aufzuhören, für Hollywood zu schreiben. Seinen transatlantischen Erfolg verdankte er übrigens nicht zuletzt einem Amerikaner, dem Filmkomponisten Henry Mancini, der den jungen Kollegen aus Europa an United Artists vermittelt hatte - eben für "The Thomas Crown Affair", die Legrand einen Oscar für den besten Song einbringen sollte. Ein Amerikaner half dem 1932 in Paris geborenen Komponisten auch zu Beginn von dessen Karriere - freilich ohne es wirklich zu wollen: Für Jacques Demis' ersten abendfüllenden Film, "Lola" (1960), hätte eigentlich Quincy Jones die Musik liefern sollen. Als dieser aber wieder Richtung USA abrauschte, ohne eine Note hinterlassen zu haben, sprang Legrand ein. Die Musik für die Filme Demis' sollten den Grundstein für eine mehr als beachtliche Laufbahn legen - und zählen bis heute zum Besten, was Legrand gemacht hat. Das Trennungsthema aus "Les Parapluies de Cherbourg" (1963) etwa, das unter dem Titel "I Will Wait for You" bekannt wurde, steht für die Frenchness Legrands: Chansoneske Eindringlichkeit und ein ziemlich ungebremster Romantizismus, der den Spiralbohrer der Melodie gnadenlos in Hirn und Herz des Zuhörers schraubt, ohne diese Organe so bald wieder zu verlassen, stehen (so wie auch "What Are You Doing the Rest of Your Life?" oder "Summer of '42") für die bekannteste Facette des Komponisten. Die laienhafte Darbietung der Schauspieler trägt - wie später auch in den wesentlich leichter daherkommenden "Les Demoiselles de Rochefort" (1966) - entschieden zum Charme der Lieder bei. Jessye Norman hat unfreiwillig, aber eindrucksvoll bewiesen, wie eine austrainierte Stimmathletik Legrands Musik vernichten kann - da halten wir uns doch lieber an die großartige Dusty Springfield! Man kann Legrand-Stücke anhand einiger weniger Akkorde identifizieren - das teilen sie mit denen Burt Bacharachs. Seine Melodien sind nicht so sophisticated wie die des Amerikaners (versuchen Sie einmal, "Windows of the World" zu pfeifen!) und entraten auch deren ironischer Eleganz, dafür hat Legrand mehr Ehrgeiz in die Arrangements investiert. Sowohl dem Bild des "klassischen" Komponisten als auch dem des Jazzers kommt er wesentlich näher als Bacharach. Diesem Umstand verdanken wir nicht nur das Jahrhundertalbum "Legrand Jazz" von 1958 (wo Solisten wie Miles Davis, Bill Evans, Ben Webster oder John Coltrane allerdings substanzielle Hilfe leisten), sondern auch einige der avanciertesten Arbeiten für den Film. Vielleicht ist die (von Regisseur Richard Lester abgelehnte und durch einen Score von John Barry ersetzte) Musik für "Robin and Marian" nicht ganz so grandios, wie der Komponist selbst vermutet, aber Legrands Scores, die Bach'sche Kontrapunktik, Jazz und hochfliegendes Pathos zu fast hysterischer Kollision bringen, ohne sie in der trüben Melange einer prätentiösen Best-of-Both-Worlds-Ästhetik aufzulösen, gehören zum Aufregendsten, was in der jeweiligen Zeit im Kino zu hören war - etwa in "Le Mans" von 1971 oder in Joseph Loseys "The Go-Between". All das kann man jetzt in dem sehr schön, sorgfältig und informativ gestalteten CD-Package "Le cinéma de Michel Legrand" nachhören und überprüfen (lediglich das Fehlen jeglicher Hinweise auf Instrumentierung und Besetzung stellt ein Manko dar, das aber möglicherweise der Schlamperei der Archivare geschuldet ist). Und was Legrand als Jazzpianist so draufhat, wird er bei einem Auftritt im Rahmen des Jazzfests Wien (siehe Kasten) mit seinem Trio unter Beweis stellen. Ich persönlich würde ihm ja eher ein 70-Mann-Orchester zur Verfügung stellen, aber das wäre eventuell etwas gar coûteux geworden.


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