Empfohlen Filmkritik

Bruder Jakob, schläfst du noch?

Foto: Mischief Films


Ein Jakobsweg anderer Art. Vier Brüder betrauern ihren fünften, Jakob, der als Anästhesist und Familienvater in Portugal lebte und im Jänner 2014 in den Freitod ging. Ihre von Super-8-Filmen, Briefen des Bruders und einer portugiesischen Frauenstimme begleitete Reise in die Erinnerung beginnt in den Tiroler Bergen und endet in einem Hotelzimmer in Porto. Ein wiederkehrendes Motiv des Films: Die vier Geschwister, von oben gefilmt, wie sie auf der Wiese, am Strand, auf dem Bett liegen und über Jakob, ihre Gefühle und ihre Beziehung zu ihm sprechen – Trauer, Hilflosigkeit, Wut: „Du Arsch, das hast du wirklich gemacht!“ Und dazwischen Super-8-Filme und Homevideos aus den Zeiten davor. Bilder von gemeinsamen Ferien, einer Geburtstagsfeier, einem Wanderausflug und zu alldem noch Supertramp mit ihrer melancholischen Hymne: „When I was young, it seemed that life was so wonderful / A miracle, oh it was beautiful, magical ...“ Ein vielschichtiger, mitunter ergreifender Film.

Regie:
Regie:
Stefan Bohun
Land/Jahr:
Land/Jahr:
Ö 2018
Dauer:
Dauer:
80 min
Kinostart:
Kinostart:
14. September 2018

Gemeinsame Trauerarbeit: "Bruder Jakob"

Sabina Zeithammer | 12.09.2018

Im französischen Originaltext des Kinderlieds "Bruder Jakob, schläfst du noch?" soll der berühmte Frère Jacques zum Nachtgebet läuten, also seine Ordensbrüder zusammenrufen. Auch die vier Brüder von Jakob Bohun hätten sich gewünscht, dass dieser sie in seinen dunkelsten Stunden zusammen-und zur Hilfe gerufen hätte. Doch der österreichische Anästhesist, der nach Portugal ausgewandert war, nahm sich 2014 das Leben.

Zwei Jahre später versammelte der Filmemacher Stefan Bohun seine verbliebenen Brüder um sich, um ihre Trauerarbeit zum Inhalt eines Films zu machen. In "Bruder Jakob, schläfst du noch?" begeben sich die Männer an Jakobs Sehnsuchtsorte in Tirol und reisen nach Porto, um sein Grab, seine Arbeitsstätte und das Hotelzimmer aufzusuchen, in dem er gestorben ist. In intensiven Gesprächen tauschen sie dabei ihre Gefühle bezüglich Jakobs Suizids aus, die von Schmerz über Schuld und Wut bis zu Unverständnis reichen, und stellen sich ihrem nicht immer einfachen Verhältnis als Brüder.

Wie die Orte -leuchtende Täler und winterliche Strände, Berghütten und das kleine Hotelzimmer, ein nächtlicher Kfz-Innenraum und ein windumtoster Berggipfel -wechseln die Stimmungen. Es wird auch musiziert und geblödelt, ein Widerhall jener Homevideo-Bilder aus der Kindheit und Jugend, die Bohun einfließen lässt. Jakob selbst kommt in zitierten Briefen zu Wort, die Erinnerungen einer Arbeitskollegin und Freundin Jakobs bringen eine wertvolle Außensicht hinein.

Kameramann Klemens Hufnagl gießt all das in poetische Bilder, die oft mehr an einen Spielfilm denken lassen. Das ist auch inhaltlich stimmig: "Bruder Jakob" kann und will als Doku nicht aufdeckend informieren, sondern ist eine hoch persönliche Ermutigung, zusammenzufinden und sich einander zu öffnen.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)

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