Klenk+Reiter, Folge 1: Der Herr der Fliegen

Wie Wissenschaftler anhand von Insektenlarven Morde aufklären und andere Merkwürdigkeiten

Florian Klenk, Christian Reiter
07.10.2022

Foto: Christopher Mavrič

Wie kann eine Fliegenlarve ein ganzes Dorf vor einem Kriegsverbrechen retten? Wieso tropfen Mumien in einem kleinen Wiener Museum, wenn die Sonne scheint? Wie riecht ein Mensch von innen? Und wieso kann man anhand einer Leiche erkennen, dass der Klimawandel eingesetzt hat?

In der ersten Folge von "Klenk+Reiter", dem FALTER-Podcast aus der Gerichtsmedizin, stellen sich der berühmte Wiener Gerichtsmediziner Dr. Christian Reiter und der Chefredakteur des FALTER, Florian Klenk, den Zuhörerinnen und Zuhörern vor. 

Hier können Sie Folge 1 anhören:

Sie erzählen, vor welch skurriler Kulisse sie sich vor einem Vierteljahrhundert an der Uni kennenlernten – im Schatten der tropfenden Mumie, vor einem Regal mit eingerexten Leichenteilen – und wie beliebt damals gerichtsmedizinische Vorlesungen an der Universität waren. Nicht nur Studierende kamen in den Hörsaal, um die neuesten Kriminalfälle zu begutachten, sondern auch die "Besucher aus den umliegenden Kaffeehäusern", wie Reiter sich erinnert. In Wannen lagen die Leichen, "wie beim Demel in der Auslage". 

Ein Fall hat Reiter bis heute nicht losgelassen, er brachte ihn sogar dazu, sich mit der Aufzucht von Fliegen und der Züchtung von Fliegenlarven zu beschäftigen. In Reichenau an der Rax, einem mondänen Sommerfrischeort der Wiener, suchte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein russischer Besatzungsoffizier seine Tochter. Er hatte sie während einer Dienstreise in die Obhut eines ihm unterstehenden Soldaten gegeben. 

Dorfbewohner fanden das 11-jährige Mädchen schließlich tot im Kurpark. Was war geschehen? Der Offizier drohte das ganze Dorf zu erschießen, jeden Tag einen Bewohner, sollte sich der Mörder nicht stellen. Das war die Stunde der Wissenschaft. Leopold Breitenecker, ein Wiener Gerichtsmediziner (kurioserweise ein Nationalsozialist, der später in der Zweiten Republik unbehelligt Karriere machen konnte), fuhr mit seinem Assistenten Wilhelm Holczabek (der wiederum später der Lehrer von Christian Reiter wurde) nach Reichenau und versuchte, anhand einer Fliegenlarve auf der Leiche den Todeszeitpunkt des russischen Mädchens einzugrenzen. Das Dorf, aber auch der russische Offizier staunten, als der wahre Täter bekannt wurde. 

In einem zweiten Fall berichtet Dr. Christian Reiter über eine Leiche, die Ende der 80er-Jahre an der Autobahnabfahrt im oberösterreichischen St. Valentin gefunden wurde. Es schien zunächst aussichtslos, den Fall zu klären, doch dann fanden sich abgerissene Weidenzweige, eine Armbanduhr mit kyrillischen Buchstaben, ein sogenanntes "Brotzetterl" im Magen des Toten und wiederum – eine Fliegenlarve. Sie führte Reiter zum Täter – und zeigte ihm schon damals, dass in Österreich der Klimawandel eingesetzt hatte. 

Weitere Ausgaben:

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!