Studienbeihilfe: effektiv, aber exklusiv

Immer weniger Studierende kommen in den Genuss einer herkömmlichen Studienbeihilfe

Werner Sturmberger
vom 22.06.2016

"Wie eine Evaluierung der Studienförderung zeigt, dürfte die Studienbeihilfe rund 1.500 Studierenden ermöglicht haben, ihren Abschluss zu machen", erklärt Jasmin Kassai, Referentin der ÖH-Bundesvertretung. "Das sind fast sieben Prozent aller Studienerstabschlüsse in Österreich." Die Studienbeihilfe trägt so zu mehr Bildungsgerechtigkeit bei. Studierende, die eine Beihilfe beziehen, schließen häufiger ab. Die Studie beziffert die positiven Effekte der Studienbeihilfe für das BIP mit fast einer Milliarde Euro und ihre Rendite mit etwa 500 Prozent.

Gerade das Selbsterhalter-Stipendium (SES) gilt international als Best-Practice-Beispiel. Voraussetzung ist ein vierjähriger Selbsterhalt. Die Studierenden beginnen häufig über den zweiten Bildungsweg zu studieren. "Es ist ein wichtiges Element für den sozialen Ausgleich im Hochschulsektor und macht ein Studium für Menschen aus sozialen Schichten, die an den Hochschulen unterrepräsentiert sind, deutlich attraktiver", sagt Martin Unger vom Institut für Höhere Studien IHS, einer der Autoren der Studierendensozialerhebung.

Die Inflation frisst die Grundlage für die Studienbeihilfe weg

"Ohne die Studienbeihilfe wäre die Bildungsexpansion der 1960er- und 70er-Jahre nicht möglich gewesen", sagt Kassai. "Aktuell erhalten aber lediglich zwölf Prozent aller Studierenden eine konventionelle Studienbeihilfe. Da stellt sich die Frage, welche Relevanz diese Förderung in ihrer derzeitigen Form hat." Noch 2009 bezogen 18 Prozent aller Studierenden eine Studienbeihilfe - ein Rückgang um ein Drittel trotz steigender Studierendenzahlen. Die Zahl der Bezieher eines SES ist dagegen leicht gestiegen. Derzeit erhält jede/r fünfte Studierende eine Studienbeihilfe.

Einer der Gründe für die sinkende Anzahl der Studienbeihilfen ist die Inflation. Aufgrund von Lohnerhöhungen verdienen viele Menschen nominell mehr, selbst wenn diese Gehaltserhöhung real von der Inflation aufgefressen wird. Die Berechnung der Studienbeihilfe erfolgt mittels Richtwerten für die Haushaltseinkommen der Eltern der Studierenden. Diese wurden zuletzt 2008 angepasst. Dadurch erfüllen immer weniger Studierende die Voraussetzungen.

Der Hauptgrund für den Verlust einer bereits zuerkannten Studienbeihilfe sind Verzögerungen im Studienerfolg. Pro Studienabschnitt gibt es ein Toleranzsemester. Doch gerade in überlaufenen oder stark verschulten bzw. sehr lernintensiven Bachelor-Studien ist es für viele Studierende oft nicht möglich, den notwendigen Studienerfolg in einem fristgerechten Zeitraum zu erreichen. Damit fallen sie um die Beihilfe um.

Die Höhe der Studienbeihilfe wird ausgehend von einem Sockelbetrag errechnet. Von diesem werden Familienbeihilfe und eine den Eltern zumutbare Unterstützungsleistung abgezogen. 606 Euro beträgt die Höchststudienbeihilfe.

Trotz Inflationsausgleich sind die Beihilfen meist sehr niedrig

Festgelegt wurde dieser Wert im Jahr 1999. Damals bekam man für diesen Betrag in der Mensa noch 447 Portionen Kaffee; heute bringt einem die Beihilfe nur mehr 334 Tassen, wie die ÖH errechnet hat.

Um die Wirkung der Inflation abzufangen, wurde 2007 ein zwölfprozentiger Zuschlag auf die ausbezahlte Studienbeihilfe beschlossen. Die aktuelle Höchstgrenze beträgt daher 679 Euro. Die tatsächlichen Bezüge sind aber deutlich niedriger: So liegt die durchschnittliche Höhe der Studienbeihilfe bei rund 310 Euro, wobei nur knapp zehn Prozent aller Berechtigten mehr als 500 Euro beziehen. Da beim SES die Unterhaltsverpflichtung der Eltern und häufig auch die Familienbeihilfe entfallen, liegt das durchschnittliche SES bei rund 680 Euro (alle Beträge inklusive etwaiger Zuschüsse etwa für Kinder).

Wer eine Beihilfe bezieht, ist häufiger (oft auch trotz Erwerbstätigkeit) mit finanziellen Engpässen konfrontiert als jene, die ohne Beihilfe auskommen. Sie oder er stammt überdurchschnittlich oft aus niedrigen sozialen Schichten, also aus Familien, die sich eine Unterstützung für ihre Kinder nicht leisten können. "Den Jüngeren geht es noch am besten", erklärt Studienautor Unger. "Da ist der elterliche Rückhalt oft noch stärker. Mit dem Alter steigen die Ausgaben sowie die finanziellen Probleme. Die Studienbeihilfe wurde aber altersunabhängig ausbezahlt." Besonders hoch sind die Belastungen für alleinerziehende Personen und Menschen mit Behinderungen.

Es gibt ein Studienabschlussstipendium -aber wer nutzt es?

"Studierende passen nicht ohne Weiteres in die klassischen Armutskonzepte. Sie sind jung und haben daher viel eher noch die Chance, über den Erwerbsarbeitsmarkt Geld aufzustellen", sagt Unger. Die Inflation der letzten Jahre hätten Studierende auch überwiegend durch mehr Arbeit kompensiert. Aktuell sind sechs von zehn Studierenden erwerbstätig.

Er spricht von einem Tradeoff zwischen finanzieller und Studien-Armut. Wer mehr arbeitet, hat aber weniger Zeit für das Studium. Viele Studierende berichten davon, in einen Strudel zu geraten: Häufig würden Ansprüche auf Studienbeihilfe und aufgrund des fortschreitenden Alters auch andere Vergünstigungen wie etwa das Semestersticket erlöschen. Um das zu kompensieren, arbeiten Studierende dann noch mehr. Die Chance, das Studium abzuschließen, sinken so kontinuierlich.

Zwar gibt es mittlerweile die Möglichkeit, ein Studienabschlussstipendium zu beziehen, dieses wird aber nur von 0,2 Prozent aller Studierenden in Anspruch genommen. Gründe dafür sind der geringe Bekanntheitsgrad der Förderung, deren Höhe - Studierende dürfen für die Bezugsdauer keiner Erwerbsarbeit nachgehen - und der Druck, das Studium positiv abschließen zu müssen.

"Die jüngsten Reformen der Studienbeihilfe sind vor allem Studierenden zugute gekommen, die besonders unter finanziellen Engpässen leiden. Das begrüßen wir natürlich. Diese Verbesserungen betreffen aber nur eine sehr geringe Anzahl von Studierenden", sagt Kassai. Zentrale Forderung der ÖH ist daher eine Inflationsanpassung der Höchststudienbeihilfe sowie der elterlichen Einkommensgrenzen.

Österreich ist ein Land mit geringer Bildungsmobilität

Das würde nicht nur Studierenden in prekären Finanzlagen helfen. Eine analog zur Teuerungsrate erfolgende Anpassung der Einkommensgrenzwerte der elterlichen Haushalte würde zu einer Ausweitung der Studienbeihilfe führen. Davon könnten insbesondere Studierende aus niedrigen und mittleren sozialen Schichten profitieren, die verstärkt auf eine Studienbeihilfe angewiesen sind. Im Rahmen der Präsentation der Studierendensozialerhebung erklärte der Wirtschaftsminister, sich für eine Inflationsanpassung der Studienbeihilfe einsetzen zu wollen. Die von ihm genannten Mehrkosten in Höhe von 25 Millionen Euro hält Kassai aber für deutlich zu niedrig angesetzt.

Als wünschenswert gilt ebenso eine Unterstützung von Studierenden aus Drittstaaten, die bisher keinerlei Ansprüche geltend machen können, sich aber oft in prekären Situationen befinden. Altersgrenzen beim SES (35 Jahre) und beim Studienabschlussstipendium (41 Jahre) schließen auch Menschen vom Bezug aus, die sich gern weiterbilden oder beruflich umorientieren möchten. Dabei wäre es auch aus gesamtgesellschaftlicher Sicht durchwegs sinnvoll, Menschen zu ermöglichen, ihr Wissen auf diesem Wege zu aufzufrischen.

Das Studienbeihilfensystem leistet zwar einen wichtigen Beitrag, die Rigidität des österreichischen Bildungssystems abzufedern, brechen kann es dieses aber nicht. Wie eine Studie der WU Wien zeigt, wird Bildung in Österreich nach wie vor vererbt: Mehr als die Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher hat maximal eine Lehre abgeschlossen. Kinder aus solchen Haushalten haben eine Elf-Prozent-Chance, ein Studium abzuschließen. Bei Akademikern sind es dagegen 53 Prozent. Die OECD bezeichnet Österreich als eines der Länder mit der niedrigsten Bildungsmobilität. Tendenzen für eine Veränderung dieses Zustands finden sich in der aktuellen Studierendensozialerhebung keine.

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