: HORT DER WISSENSCHAFT

Lager? Feuer!

Martin haidinger
vom 28.03.2018

Wenn politische Lager aufeinander feuern, dann nennt man das gewöhnlich Bürgerkrieg. So geschehen in der Ersten Republik in Österreich: Beim Brand des Justizpalastes 1927, bei der Niederschlagung des sozialdemokratischen Schutzbundaufstands im Februar 1934, beim Naziputsch im Juli 1934.

Fakt ist, dass 1933 die ersten vierzehneinhalb Jahre einer demokratischen Versuchsreihe zu Ende und in eine Diktatur übergehen, da Kanzler Engelbert Dollfuß eine Panne im Nationalrat dazu benützt, das Parlament auszuschalten und einen autoritären "Ständestaat" errichtet. Wäre die österreichische Republik ein Mensch, könnte man wohl feststellen, dass er frühkindlich mit der Flamme der Demokratie experimentiert und sich an der heißen Herdplatte die Finger verbrannt hat.

Der christlichsoziale Bundeskanzler Ignaz Seipel hat das Land nicht nur durch eine Völkerbundanleihe vor dem Bankrott gerettet, sondern in seiner ersten Zeit als Kanzler danach getrachtet, den politischen Katholizismus mit der parlamentarischen Demokratie vereinbar zu machen. Das ist letztlich misslungen, Seipels frühe Versuche ertrinken im autoritären Fahrwasser der mit ihm verbündeten Heimwehren. Das austromarxistische Konzept des sozialdemokratischen Masterminds Otto Bauer erregt wiederum international große Aufmerksamkeit und wird von links bis rechts weithin anerkannt -von der KPdSU bis zu rumänischen Faschisten(!) der "Eisernen Garde". Darin manifestiert sich die intellektuelle Hochstrecke der Sozialdemokratie und zugleich ihr Scheitern an der Praxis.

Otto Bauer hat seine Partei nicht im Griff und trägt ungewollt dazu bei, dass sie von der Dollfuß-Regierung zerschlagen wird. Die Kombination von Verbalradikalismus mit zaudernder Untätigkeit hat erbärmlich versagt, wie ich in meinem neuen Buch "Jedermanns Land. Österreichs Reise in die Gegenwart" darlege, das im April 2018 bei Amalthea erscheint.

Die Nationalsozialisten haben hierzulande keine "Wegbereiter" nötig gehabt. Die Österreicher waren mit Antisemitismus, Alldeutschtum, Militarisierung und sozialistischer Volksgemeinschaft ohnehin bestens vertraut.

Die Menschen im Land hatten in der Ersten Republik kein Demokratietraining genossen, sondern zwischen 1914 und 1934 eine kriegsbedingte Militärdiktatur, eine Revolution, eine von der Wirtschaftskrise gebeutelte parlamentarische Blockadephase und mehrere bewaffnete Aufstände, Schießereien, Randalen und Erhebungen von links und rechts erlebt.

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