: WAS AM ENDE BLEIBT

Sprachen

Erich Klein
vom 28.03.2018

Die Vielfalt an Sprachen scheint bisweilen den Verstand zu rauben: Paul Celan wurde 1920 in der Hauptstadt des einstigen Kronlandes Bukowina, dem rumänischen Czernowitz, geboren. Er bezeichnete sich als "nachzugebärenden Kakanier". Im Elternhaus wurde Deutsch gesprochen, in der Schule Hebräisch und Rumänisch, in der Umgebung Ukrainisch. Seine Gedichte schrieb Celan auf Deutsch. Aus jugendlicher Begeisterung für die Oktoberrevolution lernte er Russisch. In Abwandlung des traditionellen jüdischen Wunsches "Nächste Jahr in Jerusalem!" lautete sein Lebensmotto: "Wien war das zu Erreichende."

Als der Achtzehnjährige 1938 zum Medizinstudium nach Frankreich reiste, machte er in Berlin Station, wo in diesem Moment die Novemberpogrome begannen. Celan schrieb darüber später: "Über Krakau /bist du gekommen, am Anhalter /Bahnhof /floß deinen Blicken ein Rauch zu, / der war schon von morgen." Dieses "Morgen" war der Holocaust. Celans Eltern kamen als Deportierte in Transnistrien ums Leben, er selbst überlebte als Zwangsarbeiter in Rumänien. Während dieser Zeit entstanden seine ersten Übersetzungen von Shakespeares Sonetten.

Auf die Befreiung durch die Rote Armee folgte eine mehrjährige Irrfahrt: Rückkehr nach Czernowitz und Emigration nach Bukarest, wo der künftige Avantgardedichter russische Klassiker und kommunistische Propaganda ins Rumänische übersetzte. Mit kaum fünfundzwanzig schrieb Celan sein berühmtestes Gedicht "Todesfuge", das in rumänischer Übersetzung als "Tangoul Mortii" erstmals veröffentlicht wurde. Flucht vor dem sich etablierenden Stalinismus führte ihn Ende Dezember 1947 als Displaced Person nach Wien, einige Monate später nach Frankreich; 1970 folgte der Freitod in Paris.

Der Dichter verfasste neben neun Gedichtbänden zahlreiche Übersetzungen: aus dem Englischen, Französischen, Hebräischen und vor allem aus dem Russischen. Die intensive Beschäftigung mit dem russischen Dichter Ossip Mandelstam führte Celan zur mehr als nur ironischen Selbstbeschreibung: "Ja russkij poet in partibus nametskich infidelium" -"Ich bin ein russischer Dichter im Land der Ungläubigen." Mit Letzterem war Deutschland gemeint, dessen Sprache der Poet nicht nur als Sprache der Mörder, sondern auch als Muttersprache verstand.

Mehr aus diesem HEUREKA

Anzeige

Anzeige