Spracherwerb ist kein Selbstzweck

Staatliche Integrationsbemühungen setzen auf verpflichtende Sprachkurse. Reicht das?

Text: Werner Sturmberger
vom 28.03.2018

Die Ergebnisse unserer Studien zeigen recht deutlich, dass die strukturelle Integration von Migranten im Wesentlichen über die Zweitsprache verläuft", erklärt Hartmut Esser von der Universität Mannheim. Als strukturelle Integration beschreibt der Soziologe die Positionierung von Migranten im öffentlichen und im Wirtschaftsleben. Sie berührt somit direkt Verteilungsfragen begehrter Ressourcen: Rechte, Einkommen und Status.Daneben beschreibt Esser noch drei weitere Dimensionen sozialer Inklusion: Kulturation (Erwerb von Wissen, Kompetenzen, Vorlieben und Gewohnheiten), Interaktion (Aufnahme und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen) sowie Identifikation (emotionale Hinwendung zu einer Gruppe).

Gut integriert ist demnach, wem es gelungen ist, für das Aufnahmeland relevante Kompetenzen zu übernehmen, wer über genügend Wissen verfügt, um den Alltag zu meistern, wer Freundschaften schließen konnte und sich mit dem Aufnahmeland oder der Stadt identifiziert - oder, kürzer: wem es gelingt, ein Mittelschichtsdasein zu führen. Genau das ist auch der Wunsch vieler Migranten.

Erfüllen lässt sich dieser Wunsch im Normalfall aber nur über Bildung und die Teilnahme am Arbeitsmarkt. Notwendige Voraussetzung für beides ist das Erlernen der Landessprache: "Erst die Zweitsprache eröffnet die für die soziale Integration nötigen Kommunikationsmöglichkeiten. Sie ist auch eine bedeutsame Voraussetzung für die strukturelle Integration auf dem Arbeitsmarkt und Bindeglied, um über Bildung den sozialen Aufstieg nachfolgender Generationen zu ermöglichen", so Esser.

Muttersprache als Hindernis?

Das Erlenen der Landessprache wird als zentraler Faktor von Integration gesehen, die Rolle der Muttersprache dagegen kontrovers diskutiert: "Es gibt die These, dass die Integration vom Migranten durch die Förderung der Herkunftssprache unterstützt werden kann. In unseren Daten konnten wir aber keine positiven Effekte der Erstsprache feststellen, weder für die strukturelle noch für die soziale Integration", erklärt Esser. "Wenn überhaupt, dann erleichtert sie die Integration in eine ethnisch definierte Gemeinde, sprich in eine bereits bestehende Segmentation der Aufnahmegesellschaft." Aus der Perspektive der Migranten bedeutet das: Am Arbeitsmarkt besteht nur geringe Nachfrage nach den meisten muttersprachlichen Befähigungen.

Während laut Esser erstsprachliche Qualifikationen für die Aufnahmegesellschaft nur geringe Bedeutung besitzen, stellt sich das auf individueller Ebene anders dar. Die Beherrschung der Erstsprache ist für den weiteren Sprachenerwerb von zentraler Bedeutung. Sie ist das Instrument, über das sich anfänglich alle anderen Zweitsprachen erschließen. Gleichzeitig ist sie eine wichtige Quelle für das Selbstvertrauen und das Sicherheitsgefühl: "Deutsch zu lernen ist nicht immer einfach und oft mit Frustration sowie Selbstzweifeln verbunden. Es ist mir daher immer wichtig, den Lernenden in Erinnerung zu rufen, dass sie ja bereits eine Sprache beherrschen und mithilfe dieser eine andere erlernen können", sagt Michaela Taschek, Sprachtrainerin beim BFI.

Spracherwerb als Integrationsgarantie?

"Ein Sprachunterricht muss die Lernenden dabei unterstützen, in der neuen Sprache eine Stimme zu finden, und das durch unterschiedlichste Zugänge. Aber: Diese Stimme muss auch gehört werden und gesellschaftlich einen Platz finden. Ein Lernender hat zu mir gesagt: Wieso soll ich Deutsch lernen, wenn niemand mit mir spricht?", sagt Verena Plutzar, Germanistin mit langjähriger Erfahrung als Deutschlehrerin.

"Sprachkenntnisse entscheiden nicht allein darüber, ob man als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt wird, Arbeit findt, an Bildung partizipieren und Bürgerrechte erlangen kann. Auch Menschen, die migriert sind und gut Deutsch sprechen, machen vermehrt Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung, die ihnen sagen: Du gehörst nicht zu uns!" Deutlich wird dieser Umstand in Ländern mit Kolonialvergangenheit: Beispiele sind die Unruhen in den Pariser Banlieus 2005 oder in England 2011.

Ob Integration gelingt, hängt maßgeblich von der Offenheit der Aufnahmegesellschaft ab, was Esser am Beispiel der Immigration deutschstämmiger Auswanderer aus Russland, Rumänien und Polen nach dem Fall der Mauer beschreibt. "Aufgrund der unterstützenden Haltung der Regierung Kohl - auch gegen Widerstände -ist diese Gruppe mittlerweile weitgehend in der deutschen Gesellschaft aufgegangen, selbst wenn viele Neunankömmlinge schon lange nichts mehr mit Deutschland zu tun hatten geschweige denn deutsch sprachen."

Neben der Bedeutung einer Willkommenskultur betont Plutzar auch die konkreten Hilfestellungen wie "ausreichende Orientierung, die diesen Namen auch verdient. Und keine Werteschulungen, die niemandem helfen." Genauso wichtig sei die Anerkennung von Qualifikationen und die Durchlässigkeit von Arbeitsmarkt und Bildungseinrichtungen, um soziale Aufwärtsmobilität zu ermöglichen.

Organisation der Deutschkurse

Die Integration auf verpflichtende Deutschkurse zu reduzieren, greift wohl zu kurz, denn: "Die Aneignung einer Sprache ist Ergebnis eines Teilhabeprozesses, nicht seine Voraussetzung", sagt Plutzar. Auch Esser steht den Kursen kritisch gegenüber. Beide verweisen auf die fehlende Evaluierung der Kursergebnisse sowie die hohen DropoutQuoten. Plutzar bemängelt zusätzlich den Zwangscharakter des Deutschunterrichts: "Die damalige ÖVP-FPÖ-Bundesregierung hatte im Jahr 2001 begonnen, darüber nachzudenken, den Spracherwerb durch Prüfungen sicherzustellen und war damit in Europa federführend. Seit dem Jahr 2005 sind diese Prüfungen gesetzlich verankert. Ein Nachweis der Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme wurde allerdings bis dato nicht erbracht."

Während in den 1980er und 1990er Jahren eine breite Palette unterschiedlicher Kursformen erprobt wurde, stößt man im Moment auf eine didaktische Monokultur, in der es in erster Linie um das Absolvieren von Prüfungen geht. Sie entscheiden oft über den Bezug von finanzieller Unterstützung und den Erhalt von Aufenthaltstiteln. Die Kursprogramme berücksichtigen die unterschiedlichen Schulerfahrungen der Teilnehmer zu wenig, ihre Inhalte gehen oft an deren Realität vorbei und blenden die Ambivalenz der Mehrheitsgesellschaft weitgehend aus. Für Analphabeten sei das Erlernen der Sprache in diesem System kaum möglich. Die systemischen Mängel der Programme können meist nur durch die Motivation der Lernenden und häufig schlecht bezahlten Lehrenden kompensiert werden, meint Plutzar.

Prüfen, Messen, Aussieben

Verena Plutzar beschreibt das Prüfungswesen als Versuch, etwas schwer Quantifizierbares wie Integration messbar zu machen und den Eindruck von Objektivität herzustellen. Prüfungen sind aber auch eine staatliche Machtdemonstration und als solche Instrumente, die es erlauben, den Ausschluss aus der Mehrheitsgesellschaft zu rechtfertigen. "Immer, wenn argumentiert wird, Sprachprüfungen und -verpflichtungen würden dem Wohl von Zuwandern dienen, muss auch auf diese Instrumentalisierung von Sprachenlernen hingewiesen werden. Es geht in diesem Zusammenhang nicht um Sprache, sondern um Macht."

Neben qualitativen Verbesserungen und auf Freiwilligkeit basierenden Kursangeboten fordert die Germanistin Plutzar einen Paradigmenwechsel: Das Erlernen einer Sprache dürfe keine bloß in Kursen geübte Tätigkeit sein und Integration nicht darauf verkürzt werden: "Integrationsprogramme müssten Begegnungsprogramme sein, weil Integration ein zweiseitiger Prozess ist. Die Psychoanalytikerin Ruth Kronsteiner hat festgestellt, dass die Qualität der Deutschkenntnisse mit der Qualität der Beziehungen zwischen den Lernenden und den Sprechenden der Sprache korreliert."

Die Bundesregierung verfolgt andere Pläne: In allen der Integration gewidmeten Budgets, vom "Integrationsjahr" bis hin zum AMS, soll es zu Einsparungen kommen. Sie betreffen Deutschkurse wie auch Maßnahmen zur Heranführung von Asylberechtigten an den Arbeitsmarkt.

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