Familienerinnerung

Die Schriftstellerin Irmgard Kramer über den Gedenkversuch in ihrer Verwandtschaft

Irmgard Kramer
vom 27.06.2018

Der Großvater geistert durch mein Leben. Seine Schmuckstücke glänzen an meiner Mutter und ihrer Schwester, meiner Tante. Seine Aquarelle hängen bei allen Familienmitgliedern, egal, welcher Generation, in vielen Bundesländern. Seine lustigen Sprüche sind längst in den Wortschatz der Familie übergegangen. So beliebt sei er gewesen, so ein netter Mann, ein Künstler, musikalisch und sportlich, offen und hilfsbereit, ja, vor allem hilfsbereit.

Ich bin sechs, als er stirbt. Die Mutter weint in die Brotdose - zum ersten Mal sehe ich sie weinen. Zur Beerdigung fährt sie allein. Beerdigungen seien nichts für Kinder. Tot ist der Großvater aber noch lange nicht. Im Gegenteil. Er hat ein Tagebuch hinterlassen.

Anfangs spricht die Familie mit Bewunderung darüber. Aber je mehr Jahrzehnte vergehen, umso belastender scheint es zu werden. Irgendwann wird keiner mehr seine Kurrentschrift lesen können. Irgendwann muss man etwas tun mit diesem Andenken. Wie ein Fels hängt es über der Familie, an einem Faden, der altersschwächer wird.

So setzt sich meine Tante eine Deadline: Bis zu ihrem siebzigsten Geburtstag will sie mit der Hilfe von meiner Mutter seine Handschriften in den Computer tippen und bei Bedarf mit Kommentaren und Erklärungen versehen. Aber die Last ist zu groß, die beiden Frauen beginnen zu verzweifeln. So besuche ich ein Biografie-Seminar und biete, voller Zuversicht, das Großvater-Projekt zu einem Abschluss zu bringen, meine Hilfe an. Die Mutter ist gerührt. Die Tante bricht vor Dankbarkeit in Tränen aus.

Ich setze mich in den Zug und fahre in den Ort, wo der Großvater begraben ist. Die Tante ist vorbereitet und hat im ganzen Haus ausgebreitet, was der Großvater hinterlassen hat. Beim Anblick der Fülle an Material trifft mich fast der Schlag.

Ich wühle mich durch Ariernachweise, Testamente, Feldpost, stapelweise Briefe an Frau, Kinder und Freunde, Reichslotteriescheine, Reichskleiderkarten, Cartoons aus dem "Illustrierten Beobachter", die er 1943 herausgerissen hat, selbstgemachtes Holzspielzeug, selbst illustrierte und geschriebene Bilderbücher für die Kinder, selbst geschmiedeten Schmuck, hunderte Gemälde, Skizzenblöcke aus dem Krieg, Arztrechnungen, Beiträge zum Kameradschaftsabend, Unterrichtshefte für den Kriegsdienst, Falttafeln für den Flugzeugerkennungsdienst und für Gefechtsdienste, Totenscheine, Begräbnisrechnungen, eine Urkunde "Deutsches Wehrschießen 1944", bei dem der Großvater 43 von 50 möglichen Punkten erreicht hat, die illustrierte Monatsschrift "Kleine Kinder" für Kinderpflege und Erziehung von 1936, Kalenderblätter, Soldatenzeitungen, Gedichte von ihm übers Militär, das Papier mit dem Religionsaustritt, Befehlshefte, Schießbücher, Aufzeichnungen über "Störungen im Rundfunk", die Urkunde zur Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes 2. Klasse, Berlin, 1. September 1942, Geburts-und Totenscheine der Familie bis zurück ins Jahr 1776, verschlüsselte Telegramme, Heimatscheine, Stempelkarten, das Papier zur Vermögensverfallsamnestie 1956, fünf Meisterprüfungszeugnisse (Goldschmied, Spengler, Installateur, Glaser, Dachdecker), Gewerbescheine, Lehrverträge, ein Dokument, in dem die Verurteilung zum Hochverrat für getilgt erklärt wird, ein polizeiliches Führungszeugnis über 15 Monate schweren Kerkers, eine Bestätigung der Übergabe einer beschädigten Armbanduhr wegen Vermögensverfall. 1952 bedankt sich der Sportclub für eine Blutspende, die Vorschreibung über einen Widergutmachungsbetrag, ein Ansuchen um Rückbuchung eines Sparbetrages von 1948, weil sein Sparbuch eingefroren worden war, und etliche Nazi-Devotionalien (kiloschwere Bronzestatuen mit Hakenkreuzen, Hochzeitsfotos, bei denen mehrere Nazi-Paare gemeinschaftlich heirateten inklusive der Großeltern), ein Dokument über die Erstattung eines Wiedergutmachungsbetrages, die Ernennungsurkunde zum Bürgermeister und sein Schmalztöpfchen.

"Das Wichtigste ist da noch gar nicht dabei", sagt die Tante. Der Großvater hat beinahe lückenlos Kriegstagebücher geführt. Die Blutflecken zerdrückter Läuse sind darin noch zu sehen. Er trug Landkarten bei sich und hielt seine Route fest, als er sich im Mai 1942 von der Berliner Ostfront in die Heimat aufmachte. 1975 wollte er sich noch einmal erinnern und fing an, ein großes Werk zu schreiben.

Gierig verschlinge ich, was die Tante abgetippt hat: Von seiner Geburt in der Hildebrandgasse, wo er bei einem armen Schuhmacher und seiner sadistischen Stiefmutter mit vier Geschwistern auf sechzehn Quadratmetern aufwuchs, und von seiner Volksschullehrerin, die den Kaiser so sehr liebte: "Als die Kutsche aus der Ferne sich näherte, brüllten wir alle lauthals: "Hoch, hoch, hoch!" Langsam rollte unweit die Kutsche vorbei, und der letzte Habsburger in Uniform nickte und winkte uns zu." Er schreibt, wie er 1933 Hakenkreuzfahnen auf Strommasten gehängt hat. Und von galizischen Auswanderern. "Die Straßen Wiens waren voll von ihnen. Sie trugen alle ihre schwarzen Kaftans, dazu breitkrempige Schlapphüte, vielfach lange Bärte und die typischen "Beikeles", das waren eine Art Stoppellocken, die an den Schläfen herunterhingen."

Nach dreihundertsechzig Seiten endet die Erinnerung mit der Flucht aus Berlin. Die Lücke zwischen 1942 und 1975 will ich nun schließen und versammle Mutter, Tante und Onkel an einem Tisch. Alle drei sind in den Kriegsjahren im Monat April geboren -als Geschenk an den Führer. Meine Mutter, eine Punktlandung, kommt am 20. April zur Welt. Da ist der Großvater Bürgermeister einer Kleinstadt. Die hiesige Blasmusikkapelle marschiert zu seinen Ehren im Hof auf. Die Hebamme tritt auf den Balkon und verkündet: "A Mädel is." Ohne einen Ton zieht die Kapelle ab.

Ich stelle ein Mikrofon auf und will, dass sich die Geschwister erinnern. Es dauert ein wenig, dann bricht es aus ihnen heraus. Sie schwelgen, sie lachen, sie weinen, sie sind wütend, enttäuscht und ratlos. Ihren Vater haben sie unterschiedlich erlebt, geliebt haben sie ihn alle sehr. Drei Tage lang erzählen sie, diskutieren über Schuld, Unschuld und Mitschuld und versuchen zu erklären, was sie nicht erklären können.

Die Dämonen sind entfesselt. Keinem geht es gut während des mehrere Monate dauernden Aufarbeitens des großväterlichen Nachlasses. Meine Mutter kann nicht mehr schlafen, träumt von Bombenhageln und Massakern und will, dass das Erinnern ein Ende findet. Vieles von dem, was meine Verwandten erzählt haben, streichen sie wieder. Vieles wollen sie gar nicht gesagt haben. Ich kürze dreißig Seiten Erinnerungen auf eine einzige Seite nüchterner Daten. Viel zu heikel erscheinen gewisse Passagen.

Ich gebe auf. Fühle mich überfordert, eingeklemmt zwischen Generationen und Wahrheiten. Meine Mutter ist erleichtert: Das hat eh alles keinen Sinn. Sie packt Koffer und fährt zu ihrem Maturatreffen. Die alten Damen haben außer einer kollektiven Erinnerung nichts gemeinsam -eine ist nach England ausgewandert, eine andere Oberärztin geworden, die dritte hat vierzig Jahre lang in der VOEST die Blumen gegossen, die vierte von ihrem dritten Ehemann Flugzeuge und Zöbelchen geerbt, meine Mutter hat sich um Kinder, Mann, Hund und Haushalt gekümmert. Sie treffen einander ausschließlich, um sich zu erinnern.

Meine Tante hat es schließlich doch geschafft. Sie beschenkt die Familie mit den gedruckten Tagebüchern des Großvaters, ausgestattet mit Vorwörtern, Gemälden, Dokumenten und Fotos. Ganz zufrieden scheint sie dennoch nicht. Ich erfahre mit Schrecken, dass es eine nicht weniger große Kiste von der Großmutter gibt, die noch keiner geöffnet hat.

Während die mütterliche Verwandtschaft langsam ausatmet, beginnt es in meinem Vater zu rumoren. Er fängt seine Lebenserinnerungen an, reißt Fotos aus Alben, räumt Diakästen aus, reist in andere Bundesländer, wälzt Stammbäume bis ins 17. Jahrhundert, sammelt, scannt und schreibt. Ich warne ihn. Aber auch er gibt nicht auf. Nach fünf Jahren legt er ein mehrhundertseitiges Werk vor. Ich beginne zu lesen, muss es aber weglegen. Es ist mir zu nahe. Vielleicht lese ich es später. Der Vater betont, es für seine Enkel geschrieben zu haben, aber ich ahne, dass es nur einem Zweck dient: sich selbst kennenzulernen. Wer war der Großvater? Wer der Vater? Und wer bin ich?

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