: BRIEF AUS BRÜSSEL

Friedensprojekt

Emily Walton
vom 27.06.2018

Höre ich Gedenkjahr, frage ich erst einmal nach: Welches genau? Heuer ist die Auswahl jener Jahre, denen gedacht wird, besonders groß: In Österreich handelt es sich meistens um 1918 (offizielles Gedenkjahr "100 Jahre Republik") oder 1938 (Ausbruch des Zweiten Weltkriegs), seltener um 1968 und die "68er-Bewegung". Was ist mit dem Revolutionsjahr 1848 bzw. 1948 und dem 70-Jahr-Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte?

Von 1918 kommt man im Gespräch recht rasch auf 1938, umgekehrt genauso: Das Ende des Ersten Weltkriegs ist mit dem Beginn des Zweiten in unserem Geschichtsverständnis eng verknüpft. Aus europäischer Sicht muss man den Bogen eigentlich noch einmal um zwanzig weitere Jahre weiter spannen: Wer über 1918 und 1938 spricht, der sollte auch 1958 sagen.

Denn mit den Römischen Verträgen, die am 1. Jänner 1958 in Kraft traten, wurde der Grundstein für das Europa gelegt, wie wir es heute kennen. Hätten Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg damals nicht (als Vertiefung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl) die Europäische Atomgemeinschaft und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet, gäbe es wohl keine Europäische Union mit (noch) 28 Mitgliedern.

Was damals in der Präambel des EWG-Vertrags festgehalten wurde, ist für viele längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden: Durch wirtschaftliche Zusammenarbeit sollen Frieden und Freiheit gefestigt und gewahrt werden. Das mag im Jahr 2018 unspektakulär und nach "no na"-Politsprech klingen.

Dabei würde es wohl nicht schaden, sich diesen Grundgedanken der EU als Friedensprojekt immer wieder in Erinnerung zu rufen. Irgendwo, irgendwann zwischen der Regulierung der Gurkenkrümmung und dem x-ten Bericht über nächtliches Ringen der Staats-und Regierungschefs um das nächste gemeinsame Budget ist dieser zentrale Aspekt im Narrativ über Sinn und Zweck der Gemeinschaft weit in den Hintergrund getreten.

Erasmus hin, offene Grenzen her, gemeinsame Währung schön und gut - in Relation zu dem, was die EU historisch gesehen gebracht hat, sind sie nicht mehr als feine Begleiterscheinungen.

Sechzig Jahre Römische Verträge stehen für den am längsten währenden Frieden in der europäischen Geschichte. Das wäre eigentlich jedes Jahr ein Gedenkjahr wert.

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