Soziologie

Die Sehnsucht nach dem Gestern angesichts der Furcht vor dem Morgen

"Retrotopia" nannte der 2017 verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman seine Analyse der Gegenwart und ihrer Möglichkeiten

Martina Nothnagel
vom 31.10.2018

Die Zeit der Utopien ist zu Ende, der Glaube an eine "bessere, zukünftige Gesellschaft" verloren. Stattdessen speisen sich unsere Zukunftsvisionen aus einer "untoten Vergangenheit", aus der Illusion eines besseren Gestern. So das Postulat von Zygmunt Bauman. "Retrotopia" ist das letzte Werk des 2017 verstorbenen polnisch-britischen Soziologen.

In einer Welt der rasanten Globalisierung, "der Umbrüche und Diskrepanzen" macht der Gedanke an die Zukunft Angst. Vertrauensunwürdige Nationalstaaten, prekäre Arbeitswelten, florierende soziale Ungleichheit, Flucht und Migration, Entsolidarisierung, Narzissmus als Gesellschaftsstörung. Vorbei der hoffnungsvolle Fortschrittsglaube.

Eine Lösung bieten Retropien freilich nicht. Wir werden die Zukunft nicht meistern, wenn die Sehnsucht nach einer (vermeintlich besseren) Vergangenheit uns den Blick verstellt. Denn wir müssen uns "auf eine lange Zeit einstellen, in der es mehr Fragen als Antworten und mehr Probleme als Lösungen gibt".

Zygmunt Bauman war einer der bedeutendsten Soziologen und Philosophen der Gegenwart. Er beschließt sein Lebenswerk mit einer scharfsinnigen, akkuraten Analyse unserer modern-globalen Gesellschaft und der ihr inhärenten Probleme. Scharfsinnig und genau ist auch seine Conclusio: "Wir stehen heute mehr denn je vor einem Entweder-Oder: Entweder wir reichen einander die Hände - oder wir schaufeln einander Gräber."

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