Seinen Standpunkt klarmachen

Wer sich von Religion abmeldet, soll ab 2020 in AHS-Oberstufen Ethikunterricht bekommen.

Text: Elisabeth Stuppnig
vom 27.03.2019

Darf man ein Verbrechen begehen, um ein Menschenleben zu retten? Wie viel Toleranz braucht es gegenüber Intoleranz? Wie steht es um die Todesstrafe? Solchen Fragen sollen sich Schüler ab dem Schuljahr 2020/21 in einem verpflichtenden Ethikunterricht stellen. Aber ist das überhaupt notwendig?

Ethikunterricht in der Praxis seit 1995 Im Ethikunterricht werden Themen behandelt, die zwischenmenschliche und persönliche Bereiche betreffen. Ein Luxus? Keineswegs, geht es nach Georg Gauß. "Ethik ist eine absolute Notwendigkeit", meint er. Und zwar eine für alle, nicht nur in der Obersondern auch in der Unterstufe, denn: "Meinungs-und Persönlichkeitsbildung beginnt ja schon früher als mit 15 Jahren. Es ist wichtig, Kindern einen Input zu geben, der im Kontrast zur Meinung von Freunden und dem Familienumfeld stehen kann."

Gauß unterrichtet seit 1995 am BORG Mistelbach in Niederösterreich, unter anderem Musikerziehung, Philosophie, Psychologie und Ethik. Er ist Gründungsmitglied der Bundes-ARGE Ethik. Als solcher erarbeitete er auch die neue Reifeprüfung Ethik und wirkte 2017 am Lehrplan des Schulversuchs Ethik mit. Für den Schulversuch gilt: All jene, die keinen konfessionellen Unterricht besuchen, sind dazu verpflichtet, Ethikunterricht zu besuchen.

Der kompetenzorientiert formulierte Lehrplan bildet die Grundlage für den jetzt zu entwickelnden Lehrplan des Unterrichtsfaches Ethik. Werte zu erkennen, nach denen die Familie oder die Gesellschaft handelt und lebt, sie zu reflektieren und mit den Werten anderer Gruppen einer Gesellschaft zu vergleichen, ermögliche, von Vorurteilen und "Stammtischargumentationen" wegzukommen.

Gauß sieht im Ethikunterricht die große Chance, die Schule nicht nur als einen Ort des Wissens, sondern auch als einen Ort der Reflexion zu begreifen.

Kann Moral unterrichtet werden?"Nein, Moral entsteht in einem selbst. Aber man kann verschiedene Theorien zeigen und dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler ihren Horizont erweitern und handlungsfähig werden", erklärt Gauß.

Ethik steht und fällt mit den Lehrpersonen Die Aufgabe der Lehrpersonen sei es, Inputs zu geben und anzuleiten. Das geschieht bei Gauß in Form von themengeleiteten Diskussionen und Reflexionen. "In der Schule muss es um mehr gehen als nur darum, Wissen abzuprüfen." Schüler erstellen Gruppenarbeiten, führen Gruppendiskussionen und schreiben Essays, um ihre Gedanken schriftlich festzuhalten. "Alle Meinungen und Argumente sollen formuliert und vorgebracht werden, sind jedoch zu belegen. Die Schüler müssen lernen zu erklären, warum sie welchen Standpunkt gewählt haben." Hier sei es besonders wichtig, dass Lehrende lernen zu moderieren und neutral zu bleiben.

Eine Herausforderung wird sein, die Leistung im Ethikunterricht zu beurteilen. Qualitätskriterien sind Objektivität, der Vergleich verschiedener Meinungen, die Wahl der Mittel für Belege und die Emotionalität in der Argumentation. Nach diesen Kriterien kann eine Argumentationsweise beurteilt und bewertet werden.

Laut Gauß, der auch in der Arbeitsgruppe des Ministeriums am neuen Lehrplan für das Fach Ethikunterricht mitwirkt, müsse man von einer strengen Benotung absehen. Bewertet werde stattdessen, wie argumentiert und gemeinsam gearbeitet wird sowie anhand von Selbsteinschätzung. "Es wird gerade überlegt, an den pädagogischen Hochschulen einen Hochschullehrgang für Ethiklehrer zu implementieren." Wahrscheinlich im Ausmaß von 60 ECTS-Punkten an den Pädagogischen Hochschulen, vielleicht in Kooperation mit den Universitäten. Das sei eine notwendige Ergänzung zu bereits vorhandenen Ausbildungen. Im Vorstoß, den Ethikunterricht ab dem Schuljahr 2020/2021 einzuführen, sieht er besonders eine Gefahr: "Es kann sein, dass man in einer Hauruck-Aktion möglichst vielen Lehrern allzu schnell die Berechtigung gibt, Ethik zu unterrichten."

Im Ethikunterricht näher an der Realität der Schüler In Wien ist es für alle bereits lehrenden Religions-, Philosophie-und Psychologielehrer möglich, ein berufsbegleitendes Ethik-Masterstudium zu absolvieren. An der Universität Graz gibt es ein interfakultäres Masterstudium Angewandte Ethik, das nicht primär aufs Unterrichten ausgerichtet ist und ganz allgemein neben den Grundlagen der Praktischen Philosophie auch bioethische Fragen und wirtschaftsethische Themen behandelt. Hier lehrt Hans- Walter Ruckenbauer, der die grundlegenden Unterschiede und Möglichkeiten erläutert, die Ethikunterricht bieten kann: Dieser verlangt zunächst einen Grundstock an Begriffen, Konzepten und Methoden, kann aber dann damit punkten, dass er in differenzierten Bereichsethiken nahe an den Lebensfragen der Jugendlichen ist, beispielsweise was Ernährung oder Solidarität betrifft.

"Kinder und Jugendliche brauchen eine Kompetenz in anwendungsbezogenen Fällen und sollten lernen, die aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen, ethisch zu reflektieren", meint Ruckenbauer.

Da Ethik immer mit persönlichen Wertehaltungen korreliert, sollen Schüler Diskursfähigkeit und Toleranz sowie bei Wertekonflikten einen guten Umgang erlernen. "Es geht darum, Konflikte friedlich auszuhandeln, um zusammenleben zu können." Der große Unterschied zu anderen Fächern sei, so Ruckenbauer: "Es gibt keine unumstrittene Fachmeinung, vielmehr ist das Gute immer neu auszuhandeln."

Unterricht über Flüchtlinge, Krieg und Dopingprobleme Warum gibt es den Konflikt zwischen Pakistan und Indien? Wo liegen die Differenzen zwischen den arabischen Völkern?

Solche Themen bespricht Michael Jahn in seinem Unterricht. Als ehemaliger Direktor am Gymnasium für Musik und Kunst in Wien war er einer der ersten, der an seiner Schule einen Ethikunterricht eingeführt hat. "Seinen" Schulversuch nannte er "KER - Kultur Ethik Religionen". Dieser Themenmix sei besonders heute wichtig, um Ethnien und Religionen besser zu verstehen und komplexe Entwicklungen wie Migrationsbewegungen zu reflektieren.

"Ethikunterricht muss weit über die philosophisch ethischen Strömungen von Aristoteles über Kant bis zu Nietzsche gehen. Man muss vor allem auch über andere Religionen und Ethnien sprechen", erklärt Jahn. Keine kleine Herausforderung für Lehrende: "Sie sind Moderatoren der Diskussionen, müssen steuern, die Meinungen der Schüler zum Ausdruck kommen lassen und Begründungen für diese Meinungen einfordern."

Fachdidaktisch sieht Jahn großes Potenzial darin, die Themen möglichst unterschiedlich anzugehen und zu vermitteln: Lehrende liefern fundierten Input in Form von recherchierten Primärinformationen, die dann etwa über Referate von Schülern vertieft werden.

Auch Brainstormings, Publikumsdiskussionen oder aber besondere Formen wie Fernsehmoderationen würden sich eignen, um ethische Themen zu behandeln. "Action, nicht um der Action Willen, sondern um Lebendigkeit heraufzubeschwören."

Jahn selbst, der seit 22 Jahren für die Einführung eines Ethikunterrichts kämpft, kommt weder von der Philosophie noch von der Religion. Er arbeitete viele Jahre lang als Sport-und Mathematiklehrer. Nun plädiert er dafür, dass alle Lehrpersonen eine Ethikausbildung erhalten. "Eine Sportlehrerin bringt noch einmal andere Sichtweisen in Ethikdebatten ein als ein Religionslehrer", meint er. Als Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten bespricht Jahn aktuelle Themen wie das Dopingproblem: "Welche sind die Hintergründe? Was würde Kant dazu meinen? Wie steht es um die Würde, wie um die Freiheit der einzelnen Sporttreibenden? Welchen Zwängen unterliegen sie seitens des Olympischen Komitees? Immerhin stellt es als Privatverein Regeln auf, die Sporttreibende unterschreiben.

Am Beispiel Dopingproblem soll klar werden, welche Möglichkeiten Lehrpersonen im Ethikunterricht haben, um mit ihren Schülern einen lebensnahen Unterricht abzuhalten.

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