BIOLOGIE

Die Evolution verändert uns Menschen heutzutage rascher als je zuvor

Moderne medizinische Techniken verringern oder verschieben den Selektionsdruck und ändern die evolutionäre Entwicklung von Menschen

JOCHEN STADLER JOCHEN STADLER
vom 22.05.2019

"Die moderne Technik und Medizin haben die Evolution der Menschen nicht gestoppt, sondern beschleunigt", erklärt Philipp Mitteröcker vom Department für Theoretische Biologie der Universität Wien. Mit Heilmitteln und Behandlungen setzt man ein teils über Jahrmillionen entstandenes Gleichgewicht außer Kraft, in dem der Selektionsdruck der Entwicklung Grenzen setzte und Kompromisse erzwang, schreibt er im Fachmagazin "Nature Ecology and Evolution".

So machte etwa der aufrechte Gang die Geburt eines Menschen zu einem Balanceakt, erläutert Mitteröcker. Ein breites weibliches Becken lässt bei der Geburt das Baby besser durch, ein schmales aber trägt die inneren Organe leichter. Ein großes Baby hat höhere Überlebenschancen, riskiert jedoch, nicht durch den Geburtskanal zu passen.

"Die nahezu gefahrlose Durchführung von Kaiserschnitten hat die Geburtshilfe ab den 1950er-Jahren revolutioniert und dieses evolutionäre Gleichgewicht aufgelöst", sagt der Forscher: "Seitdem können auch Frauen mit schmalen Becken problemlos große Kinder gebären. So verschwand der Selektionsdruck für einen weiten Geburtskanal und kleine Neugeborene fast völlig." Evolutionär bevorzugt sind heute Frauen mit schlanker Hüfte und Riesenbabys. Wenn ein Selektionsdruck durch medizinische Fortschritte reduziert wird, verändern verbleibende Gegenspieler in wenigen Jahrzehnten die Körper der Menschen.

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