Vom Bildungsverlierer zur Führungskraft

Burschen gelten als Bildungsverlierer, doch Frauen sind die Karriereverlierer. Warum?

TEXT: MARTINA NOTHNAGEL
vom 22.05.2019

Die statistischen Daten sind eindeutig", sagt Johann Bacher. Er ist Professor für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Johannes Kepler Universität Linz. Bildung ist nicht länger Männersache. Mädchen bleiben seltener sitzen und haben bessere Noten. Sie maturieren häufiger und sind erfolgreicher im Studium als Burschen. "In der Summe haben Mädchen die Burschen bezüglich des Erfolgs in der Schul-und Bildungslaufbahn seit den 1990er Jahren deutlich überholt", resümiert Bacher, der intensiv zu geschlechtsspezifischen Bildungsungleichheiten in Österreich geforscht hat.

Frauen liegen auch an der Universität schon vorne

Im Zuge von Bildungsexpansion und Bildungsreformen wurden bis dahin bestehende Benachteiligungen von Mädchen sukzessive abgebaut. Auch Schülerinnen wurden dazu ermutigt, höhere Schulen zu besuchen. Heute liegen die Mädchen in Führung: Im Schuljahr 2017/2018 betrug der Mädchenanteil in der AHS-Oberstufe 57,8 Prozent. 2017 waren 57,5 Prozent der Maturanten weiblich. 55,8 Prozent der Studienabschlüsse an Österreichs Universitäten gingen im Studienjahr 2016/17 auf das Konto von Frauen. Mädchen schneiden in der Schule nach wie vor besser beim Lesen ab, Burschen sind in Mathematik erfolgreicher. Aber selbst das ändert nichts daran: Unterm Strich bleiben Mädchen die besseren Schüler.

"Es wird dafür wohl nie die eine Erklärung geben. Oder den einen Ansatz, der das alles erschöpfend erklärt", meint Marlene Kollmayer. Die Psychologin ist im Arbeitsbereich Bildungspsychologie und Evaluation am Institut für Angewandte Psychologie der Universität Wien tätig.

Die Pubertät ist an allen Unterschieden schuld

"Die Geschlechterunterschiede beginnen in der Unterstufe, also mit dem Eintritt der Pubertät, zu wachsen. Davor sind sie gering. Daher sind ihre Ursachen auch in der Pubertät und im Beginn der Jugendphase zu suchen", erklärt Soziologe Bacher. Kollmayer bestätigt das: "Wir starten eigentlich alle mit ganz ähnlichen Voraussetzungen. Je jünger die Kinder sind, desto weniger unterscheiden sich Mädchen und Buben. Je älter Personen werden, desto größer werden auch die Unterschiede."

Das wiederum lässt darauf schließen, dass Sozialisationsprozesse in der Entstehung derartiger Differenzen eine wesentliche Rolle spielen. "Meiner Ansicht nach sind Geschlechterstereotype dabei etwas ganz Zentrales", betont Kollmayer. "Wir gehen oft davon aus, dass wir ja alle schon viel weiter sind. Die psychologische Forschung zeigt aber, dass Geschlechterstereotype immer noch ungemein mächtig und präsent sind." Von Männern und Burschen wird nach wie vor Durchsetzungsfähigkeit, Stärke und Unabhängigkeit erwartet. Frauen und Mädchen hingegen gelten als expressiv, fürsorglich und sozial.

In der Schule werden genau diese Verhaltensweisen gefordert und gefördert. "Es geht darum, dass man ruhig sitzen kann, zuhört, brav und fleißig ist. All das sind Eigenschaften, die mit dem weiblichen Stereotyp sehr viel besser zusammenpassen als mit dem männlichen", erklärt Kollmayer.

Jugendkulturelles Muster bei Männern: deviantes Verhalten

Auch Soziologe Bacher betont die Bedeutung, die sozio-kulturellen Einflüssen in der Entstehung geschlechterspezifischer Leistungsunterschiede zukommt. "Es ist ein Zusammentreffen von zumindest zwei Faktoren", meint er. "Einerseits die Pubertät als entwicklungsbiologischer Punkt. Und andererseits sozio-kulturelle Muster, wobei traditionell die männlichen jugendkulturellen Muster eher in Richtung abweichendes, deviantes Verhalten gehen."

Das zentrale Thema der Pubertät ist die Suche nach Identität. Es gilt ein kohärentes Selbstbild zu entwickeln, das auch zu den vorherrschenden Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit passt. Strebsam und fleißig zu sein, lässt sich prima mit weiblichen Geschlechterrollen vereinbaren. Bei der Männlichkeit spießt es sich mitunter. "Studien zeigen, dass fleißig sein und sich in der Schule anstrengen für Burschen oft negative Folgen hat", sagt die Psychologin. "Während Mädchen nicht weniger beliebt werden, wenn sie in der Schule gut sind, ist das bei Burschen anders. Je mehr man sich anstrengt, desto weniger zählt man als richtiger Bursche."

Eine Aussicht, die nicht dazu motiviert, sich besonders anzustrengen. Vor allem nicht in der Pubertät, in der (gleichgeschlechtliche) Gleichaltrige immer mehr Einfluss und Bedeutung gewinnen. "Wenn Burschen Forderungen nachkommen, die eine Schule an sie stellt, kann das für sie zum Problem werden", meint Kollmayer. "Weil man dann kein cooler Typ mehr ist."

Der Phönix aus der Schulasche: Auf zur Führungsposition!

Bachers Studien zeigen außerdem, dass auch die Kriterien der Leistungsbeurteilungen den Burschen nicht in die Hände spielen. Für den Erfolg in der Schule ist Lesen wichtiger als Mathematik. "Es ist durchaus gerechtfertigt, dem Lesen als elementarer Technik große Bedeutung zuzuschreiben", meint Bacher. Doch "wenn das Lesen sehr stark gewichtet wird und da Burschen eben traditionell schlechtere Leistungen erzielen, nimmt dadurch natürlich die Benachteiligung der Burschen noch stärker zu."

In Schule und Ausbildung mögen Burschen benachteiligt sein, spätestens als Erwachsene sind sie es nicht mehr. Männer verdienen durchschnittlich mehr, haben häufiger Führungspositionen inne, machen steilere Karrieren. Aus Bildungsverlierern werden Karrieregewinner. Auch das lässt sich mit persistenten Geschlechterstereotypen und Geschlechterrollen erklären.

Die als fürsorglich und sozial geltenden Frauen können sich selten voll aufs Berufsleben konzentrieren. Sie sind für Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen zuständig. Sie nehmen Karenzzeiten und Teilzeitbeschäftigungen in Kauf, während die Männer sich ums Geldverdienen kümmern und ihre Karrieren vorantreiben.

Die emsige, brave Schülerin passt nicht so recht zum Anforderungsprofil der durchsetzungsfähigen Führungspersönlichkeit. Dafür sind stereotyp männliche Eigenschaften gefragt. "Das wiederum führt dazu, dass Frauen es sich gar nicht zutrauen, Führungspositionen anzustreben", erklärt Kollmayer. "Sie haben in Bewerbungsgesprächen schlechtere Chancen. Weil sie der Erwartung, wie eine gute Führungskraft ausschauen soll, nicht entsprechen."

Unterschiedliche Karriereerfolge von Männern und Frauen sind auch mit der Studien-und Berufswahl zu erklären. Frauen wählen nach wie vor vermehrt weiblich konnotierte Berufe, sie arbeiten im Bildungs-, Gesundheits-oder Sozialbereich. "Die Mädchen entscheiden sich für Schulformen und später für Studienrichtungen, die mit geringeren beruflichen Aufstiegsund Verdienstchancen verbunden sind", konstatiert Bacher. "Allerdings -und das erscheint mir wichtig -stellt sich die Frage, warum zum Beispiel Tätigkeiten im Sozial-oder Gesundheitsbereich geringer bezahlt werden."

Nicht das Geschlecht entscheidet, sondern der Status

Müssen wir uns um die Burschen in der Schule Sorgen machen? "Geschlecht ist nicht das vorrangige Problem des österreichischen Schulsystems", sagt Bacher. "Es hat andere Probleme. Der Hauptungleichheitsfaktor ist der sozio-ökonomische Status der Eltern. Das heißt, Unterschiede nach Bildung, Beruf und Einkommen der Eltern sind deutlich größer als die Unterschiede zwischen dem Geschlecht." Er fordert daher mehr Ressourcen für Schulen in sozial benachteiligen Gegenden.

Kollmayer wiederum geht es um ein Aufweichen von Geschlechterstereotypen. "Bildungsinstitutionen sind eine gute Möglichkeit, um da einzugreifen", sagt sie. "Wo denn sonst? Schule ist einer der wenigen Punkte, an dem wirklich alle Kinder erreicht werden können. Und zwar, bevor sie stereotype Geschlechterrollen zu sehr verinnerlicht haben." Kollmayer ist optimistisch: "Bei der ganz jungen Generation werden die Geschlechterstereotype weniger. Ich bin daher hoffnungsvoll."

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