HORT DER WISSENSCHAFT

So werden Sie lesefett

Martin Haidinger
vom 19.06.2019

Der böse Gedanke zur guten Tat ist längst verjährt, weshalb ich ohne Scheu zugeben kann, dass ich Mitte der 1980er-Jahre als 16-jähriger Gymnasiast die Idee hatte, die Schulmilchaktion durch eine Schulbieraktion zu ersetzen, was womöglich die Leistungen in schöngeistigen Fächern wie dem Deutschunterricht gehoben und aus dem einen oder anderen Schüchternen einen so eruptiven wie produktiven Charles Bukowski gemacht hätte und aus manchem verschlossenen Mädchen eine sich weit öffnende Lotte Ingrisch mit klarer Sicht für das hochgeistig Transzendente.

Wer diesen Satz in einem durchgelesen hat und mit den Namen beider etwas anfangen kann, sei geadelt! Mittlerweile sind Sätze mit maximal fünf Wörtern zum Regelfall öffentlicher Kommunikation geworden, und die Literatur ist offenbar aus dem Kanon zentralgelenkter Maturabeispiele weitgehend verschwunden. Das Bildungsbürgertum muss zur Selbsthilfe greifen, wenn es Klassiker wie Lessing, Goethe, Schiller oder Qualtinger in künftige Zeiten hinüberretten will. Doch können wir Älteren selbst so gut lesen, wie wir es von Schulkindern verlangen? Ist nicht die Dunkelziffer der funktionalen Analphabeten beängstigend hoch?

Wer sich vom Troglodyten in eine lesefitte Persönlichkeit verwandeln will, möge daheim zum guten Buch und hernach zum Bierkrügel, zur Flasche Müller-Thurgau oder zum Cognacschwenker greifen und dann so lange schmökern, bis sich aus der Kombination von Literatur mit Qualitätsgetränken hochprozentige Visionen ergeben. Für Ungeübte sei angemerkt, dass sich der Rauschzustand dann am nachhaltigsten einstellt, wenn man die Aktion hin und wieder unterbricht und im Stil Doderer'scher Wutmärsche eine Runde durch die Wohnung dreht, dabei ein paar Nippesfiguren zerschlägt und durch die Bewegung sowohl Spiritus als auch Dichtung besser "einfahren" lässt. Im Idealfall ist man am Ende lesefett.

Wem das aus einem Grund nicht möglich oder zuwider ist, oder beide Kulturtechniken nicht zugleich ausführen kann, möge sich zumindest vorsingen und vorlesen lassen, was die ohne Alkoholeinfluss schier undenkbare Wiener Literatur an Liedern und Geschichten hergibt, und sich am 13. August im Narzbergergut auf dem Kronberg in Strass im Attergau einfinden, woselbst im Rahmen des "Attersee Klassik-Festivals" ab 20 Uhr die vortreffliche Agnes Palmisano samt musikalischen Freunden sowie meine Wenigkeit süß-saure Lieder und Geschichten unter dem Titel "Wiener Januskopf" zum Vortrage bringen werden.

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