Borkenkäfer in der Rammelkammer

Fichten sind die Leibspeise der Borkenkäfer. In Österreich machen Fichten 68 Prozent des Waldes aus

INTERVIEW: BARBARA FREITAG
vom 23.10.2019

Die globale Erwärmung sorgt auch für geschwächte Bäume und bietet somit ideale Nahrungs-wie Brutbedingungen von Borkenkäfern. Sie bedrohen weit mehr als früher die Nadelbäume in niedrigeren Lagen. Raabs an der Thaya im Waldviertel büßte zum Beispiel mehr als die Hälfte der Waldfläche ein. Martin Schebeck, Zoologe und Wildtierökologe an der BOKU Wien, ist Spezialist für die molekulare Ökologie von Borkenkäfern. Forstwirt Werner Löffler leitet die Forstabteilung der Landwirtschaftskammer Niederösterreich.

Herr Schebeck, Sie beschäftigen sich mit Borkenkäfern. Warum?

Martin Schebeck: Insekten sind die artenreichste Tiergruppe auf unserem Planeten und stellen eine umfangreiche Biomasse. Sie bilden eine große Vielfalt unterschiedlicher Lebensweisen und evolutionärer Wege aus. So gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Ernährungstypen, Fortpflanzungstypen und Symbiosen. Ich interessiere mich für Forstentomologie. Die Borkenkäfer sind da prominente Vertreter.

Warum ist der Borkenkäfer ein Problem für unseren Wald?

Schebeck: Vorsicht! Den Borkenkäfer gibt es nicht. Der Begriff umfasst mehr als 6.000 Arten. Ein kleiner Prozentsatz davon sind Schädlinge, die meisten in Nadelwäldern auf der Nordhalbkugel. Der bedeutendste in Österreich und problematischste im Kontext des Klimawandels ist der Buchdrucker an der Fichte. Er gehört zum Artenspektrum in von Fichten dominierten Ökosystemen. Wenn verschiedene Umweltbedingungen zusammenspielen, kann er in kurzer Zeit mit einem starken Anstieg seiner Population reagieren. Das ist der Fall, wenn große Mengen an günstigem Brut-und Nahrungsmaterial zur Verfügung stehen wie nach Stürmen, Schneebruch oder Hitze und Trockenheit im Sommer. Dann gibt es viele stark geschwächte und frisch abgestorbene Fichten. Ganz gesunde Fichten kann der Buchdrucker nicht überwinden.

Woran scheitert er da?

Schebeck: Ein Baum hat Abwehrmechanismen, etwa den Harzfluss. Ist er geschwächt, funktionieren diese Mechanismen nicht mehr optimal. Trockenheit und heiße Temperaturen schwächen die Fichten. Je größer die Population des Buchdruckers durch günstiges Nahrungsangebot wird, desto eher gelingt es ihm auch, weniger geschwächte Fichten zu besiedeln. Der Erstbesiedler eines Baumes ist immer ein Männchen, das sich mit seinen Mundwerkzeugen durch die Rinde bohrt. Danach werden Pheromone zur Anlockung von Artgenossen beiderlei Geschlechts abgegeben. In der sogenannten Rammelkammer verpaart sich ein Männchen mit zwei bis drei Weibchen. Jedes Weibchen legt einen Muttergang an und links und rechts davon die Eier. Aus denen schlüpfen die Larven, die sich durch den Bast fressen und schließlich verpuppen. Der Käfer verlässt dann den Baum und sucht sich den nächsten. Abhängig von der Temperatur können pro Saison drei solcher Generationen plus Geschwistergruppen entstehen. Ein Weibchen kann bis zu achtzig Eier ablegen. Daher sollte ein befallener Baum entfernt werden, bevor die neue Generation ausfliegt, damit diese keine neuen Bäume besiedeln kann.

Ist das Holz auch beschädigt?

Schebeck: Nein, nicht direkt durch den Buchdrucker. Allerdings ist der Buchdrucker mit einer Reihe von Pilzen assoziiert, den sogenannten Bläuepilzen, und diese können eine Verfärbung des Holzes hervorrufen. Aber sie beeinflussen die Festigkeit des Holzes nicht.

Gibt es auch einen Nutzen durch Buchdrucker?

Schebeck: Wie alle Borkenkäfer gehören sie zu den ganz frühen Besiedlern geschwächter oder frisch abgestorbener Bäume. Sie bauen organische Substanzen in Ökosystemen ab. Sie halten den Nährstoffkreislauf aufrecht und haben dadurch eine wichtige ökologische Funktion im gesamten Stoffkreislauf. Das aktuelle Problem kommt unter anderem daher, dass Fichten in Europa zwar zum natürlichen Arteninventar gehören, in den vergangenen Jahrzehnten jedoch in vielen Regionen angepflanzt wurden, wo sie nicht von sich aus wachsen würden.

Wie etwa im Waldviertel, wo Laubmischwälder daheim sind?

Schebeck: Die Fichte ist eine natürlich vorkommende Baumart im Waldviertel, doch kommt sie vielerorts in zu hohen Anteilen vor. Sie ist eine Baumart des Mittelund Hochgebirges. Viele Fichten wurden gepflanzt, als die Klimawandelproblematik noch nicht bekannt war. Doch jetzt stoßen wir an die natürlichen Grenzen der Belastbarkeit von Fichten. Daher sollte man vermehrt zu einer natürlichen Zusammensetzung von Waldgesellschaften kommen. Ich wäre auch vorsichtig damit, fremdländische Baumarten wie die Douglasie im großen Stil anzusiedeln. Denn wir wissen nicht, welche heimischen Organismen diese Baumart vielleicht einmal ebenso interessant finden wie der Buchdrucker die Fichte, und auch nicht, welche fremdländischen Organismen wir damit importieren, die auch Schaden anrichten könnten.

Herr Löffler, welche Regionen in Niederösterreich sind besonders betroffen?

Werner Löffler: Tiefere Lagen bis zu 500 Metern Seehöhe der Bezirke Krems, Horn, Waidhofen an der Thaya, Melk und Gmünd sind die Hauptschadensgebiete. Nach Angaben der Niederösterreichischen Landesforstdirektion wird für die Jahre 2017,2018 und für das heurige Jahr von einer Gesamtschadensfläche von mehr als 20.000 Hektar ausgegangen. Ein Ende der Borkenkäferkalamität ist derzeit noch nicht in Sicht.

Welche Maßnahmen müssen die Landwirte treffen und was geschieht mit den gefällten Bäumen?

Löffler: Die Waldbesitzer müssen das vom Borkenkäfer befallene Holz fällen und entweder sofort aus dem Wald entfernen oder die gefällten Bäume unschädlich machen beziehungsweise entrinden. Das Angebot an Holz übersteigt bei Weitem die derzeitige Nachfrage. Die Preise sind für alle Holzsorten gesunken und manche Sortimente sind derzeit unverkäuflich. Zusätzlich wird der österreichische Rundholzmarkt noch mit sehr hohen Holzimporten aus den ebenfalls stark vom Borkenkäfer betroffenen nördlichen Nachbarländern belastet.

Was sind sinnvolle Gegenmaßnahmen?

Löffler: Die wichtigste Gegenmaßnahme ist eine ständige Kontrolle der Waldbestände auf Borkenkäferbefall. Dabei empfiehlt sich mindestens einmal pro Woche ein Kontrollgang durch die Fichtenbestände. Beim ersten Auftreten von Borkenkäferbefall sind die Bäume sofort zu fällen und aus dem Wald zu entfernen. In weiterer Folge ist eine Wiederbewaldung mit verschiedenen Baumarten die beste Vorsorge gegen eine weitere Borkenkäferkalamität.

Das Problem liegt nach Meinung der Wissenschaftler auch darin, dass zu viele Fichten gepflanzt wurden, die in niedrigeren Höhen eigentlich nicht genuin sind.

Löffler: Die Aufforstungswelle mit Fichten in den 1960er und 1970er Jahren in den tieferen Lagen ist sicherlich mitverantwortlich für die rasche Ausbreitung von Sekundärschädlingen wie den Borkenkäfer. Damals waren die klimatischen Rahmenbedingungen wie kühlere Temperaturen und ausreichende und regelmäßige Niederschläge für das Fichtenwachstum optimal. Eine derart rasche Klimaveränderung bedeutet für alle Baumarten Stress. Sie war jedoch auch in dieser Intensität nicht vorhersehbar.

Ist eine Neupflanzung mit anderen Baumarten möglich, und wird das praktiziert?

Löffler: Ja, die Aufforstungen, die derzeit getätigt werden, sind zum überwiegenden Teil Aufforstungen mit Eiche, Ahorn, Douglasie und Tanne.

Wie hilft die Landwirtschaftskammer?

Löffler: Einerseits mit mehr Beratung, etwa in Form von Waldbegehungen, Informationsveranstaltungen und Webinaren. Andererseits unterstützt sie die Waldbesitzer beim Lukrieren von Fördermitteln von der Wiederaufforstung bis zur Pflege der neu gegründeten Waldbestände.

"Aufforstungen erfolgen derzeit mit Eiche, Ahorn, Douglasie und Tanne"

WERNER LÖFFLER, LANDWIRTSCHAFTS-KAMMER NIEDERÖSTERREICH

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