KLIMAFORSCHUNG

Es wird grüner, aber auch wärmer, und wir fetter

Der IPCC-Sonderbericht zu Klimawandel und Landsystemen kommt zu einigen überraschenden Einsichten und Empfehlungen

JOHANNES SCHMIDL
vom 23.10.2019

Selbst wenn wir es schaffen sollten, den globalen Temperaturanstieg auf durchschnittlich zwei Grad zu begrenzen, werden wir uns in einer jetzt noch unbekannten Welt wiederfinden. Denn es ist entscheidend, ob die Temperatur um zwei oder um vier Grad höher liegen wird -entscheidend vor allem dafür, wie wir uns dann noch ernähren werden können.

Die Ernährung der Weltbevölkerung hängt wesentlich von der Landnutzung ab. Land-und Forstwirtschaft leiden aber unter der Klimaänderung, was etwa die Forstwirtschaft in Österreich schon deutlich spürt.

Der Mensch hat inzwischen über siebzig Prozent der globalen eisfreien Landoberfläche umgestaltet. Er nutzt ein Viertel bis ein Drittel dessen, was Sonne, Wasser und Erde über die Photosynthese produzieren: als Nahrung, Futter, Faserstoff, als Holz und Energieträger.

Es gibt auch mehr Grün auf der Welt, denn die Photosynthese hat flächenmäßig insgesamt messbar zugenommen ("greening"). Dort, wo sie abgenommen hat ("vegetation browning"), ist meistens der sogenannte Wasserstress die Ursache.

Die Landfläche der Erde setzt Kohlenstoff in Form von CO2 in großer Menge um. Während durch bestimmte landwirtschaftliche Aktivitäten, hauptsächlich durch Reisanbau, Wiederkäuer und Düngung mehr Methan (CH4 und Lachgas (N 2 O) freigesetzt als gebunden werden, nehmen die Pflanzen und der Boden der Erde jährlich sechs Milliarden Tonnen mehr an CO2 auf als sie abgeben.

Die Vegetation inklusive der menschlichen Landnutzung entzieht also der Atmosphäre CO2 in beträchtlicher Menge und bremst damit die globale Erhitzung. Zählt man die Wirkung von Methan und Lachgas hinzu, bilanziert das ganze Landsystem hinsichtlich seiner Treibhausgasbilanz in Summe immer noch neutral. Die Anreicherung des Kohlendioxid in unserer Atmosphäre und damit die Klimaerhitzung stammen aus der Verbrennung der fossilen Kohlenstoffbestände der Erdkruste, von Kohle, Öl und Erdgas.

Allerdings ist unklar, ob das Landsystem bei steigender Temperatur weiterhin so viel CO2 aufnehmen können wird. Steigt die Durchschnittstemperatur weiterhin, warnen Experten, wird die Stabilität der Nahrungsmittelversorgung abnehmen und der Hunger weltweit zunehmen. Die Ökosysteme geraten durch den fortschreitenden Klimawandel, Wetterextreme und durch die zunehmend anspruchsvolleren Ernährungsgewohnheiten der immer noch wachsenden Weltbevölkerung unter Druck.

Es handelt sich um ein vieldimensionales und hochkomplexes System, das der Weltklimarat auf über 1.500 Seiten darstellt. Möchte man die Klimaziele von Paris erreichen, rät die Wissenschaft dazu, mehr Land für die Produktion von Bioenergie zu nutzen, und zwar umso mehr, je niedriger der Temperaturanstieg letztlich ausfallen soll.

Weiters dürfen wir unsere Augen nicht vor einigen geradezu grotesken Ineffizienzen und Fehlallokationen in unserem Nahrungsversorgungssystem verschließen: Hat sich die Pro-Kopf-Verfügbarkeit von Fleisch und Pflanzenöl seit 1961 mehr als verdoppelt, so werden inzwischen fünfundzwanzig bis dreißig Prozent der Nahrungsmittel weggeworfen oder gehen im Produktionsprozess verloren. Die Anzahl unterernährter Menschen ist zwar auf 821 Millionen gesunken, dem stehen aber zwei Milliarden übergewichtige bis schwer fettleibige Menschen gegenüber.

An Appellen, die Nahrungsmittelproduktion und die Ernährungsgewohnheiten umzustellen, mangelt es nicht. Man weiß, wie man die Bodenfruchtbarkeit und den Kohlenstoffgehalt im Boden erhöhen und den Verlust der Biodiversität und einen gefährlichen Temperaturanstieg verhindern könnte. Man müsste es nur tun. www.ipcc.ch

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An IPCC special report on climate change, desertification, land degradation, sustainable land management, food security, and greenhouse gas fluxes in terrestrial ecosystems.

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