Politischer Druck gegen die Klimakrise

Die Änderung des eigenen Lebensstils ist nur ein erster Schritt gegen den Klimawandel

TEXT: LISA KRAMMER
vom 23.10.2019

Im Duden findet man unter dem Stichwort "Klima" Wetter, Witterung und Wetterlage, aber auch Atmosphäre und Stimmung. Die Begriffe "Klima" und "Wetter" dürfen im wissenschaftlichen Kontext jedoch nicht synonym verwendet werden, denn laut der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik ist das "Wetter" der momentane Zustand der Atmosphäre, der von kurzfristigen Phänomenen bestimmt wird. Das "Klima" beschreibt hingegen den Zustand der Atmosphäre über wesentlich längere Zeiträume hinweg.

Auf einer Zeitskala betrachtet, sind die Maßeinheiten für das Wetter Stunden und Wochen, für das Klima hingegen Jahre bis Jahrmillionen. Allein durch diese Begriffsklärung lässt sich laut dem Physiker Werner Gruber die weitverbreitete Annahme entkräften: Ja, der Klimawandel ist eh nicht da, denn der Sommer war verregnet. Ein, zwei oder mehrere verregnete Sommer ändern jedoch nichts an der Existenz des Klimawandels. Man muss sich nämlich einen größeren Zeitrahmen ansehen, um von einer Veränderung des Klimas sprechen zu können.

Vom Klimawandel zur Klimakrise

Es ist wesentlich, wie bestimmte Phänomene bezeichnet werden und wie der öffentliche Diskurs darüber geführt wird. Unsere Sprache ist, metaphorisch ausgedrückt, wie eine Linse, durch die wir die Umwelt wahrnehmen, aber ebenso ein Medium, mit dem wir die Umwelt konstruieren.

Einen Wechsel bzw. eine Veränderung des Diskurses regte im Mai dieses Jahres die britische Tageszeitung The Guardian an. In den Redaktionslinien wurde beschlossen, die Wortwahl hinsichtlich des Begriffs Klimawandel (climate change) zu präzisieren und stattdessen "Klimakrise"(climate crisis) im Zuge der Berichterstattung zu verwenden.

Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen sprach im Rahmen des Forum Alpbachs von der "Klimakrise als größte unmittelbare Bedrohung unserer Freiheit".

Wie rasch dieser Begriffswechsel innerhalb der Bevölkerung in aller Munde sein wird, ist schwierig einzuschätzen. "Die prognostische Kraft ist beschränkt. Man kann sich jedoch retrospektiv die Karriere von Begriffen anschauen", erläutert Daniel Pfurtscheller, Sprach-und Medienwissenschaftler an der Universität Wien.

China emittiert doppelt so viel CO2 wie die USA

Faktum ist, dass die Veränderungen des Klimas rasanter voranschreiten. Dem zweiten gängigen Argument, den Klimawandel hätte es immer schon gegeben, bewertet Werner Gruber als nichts Aufregendes, dem sei an sich zuzustimmen. Die Essenz stecke jedoch im Detail bzw. in den statistischen Daten: "Denn jedes Mal, wenn es einen Klimawandel gegeben hat, hat das mindestens ein paar tausend Jahre gebraucht, bis sich das Klima verändert hat. Jetzt sind wir in der Größenordnung von ungefähr hundert bis 150 Jahren, in denen es einen Wandel des Klimas gibt", führt der Physiker aus.

Laut Umweltbundesamt betrugen die CO2-Emissionen in Österreich im Jahr 2018 79,1 Millionen Tonnen. Die größten Anteile entfielen dabei auf folgende Sektoren: 34,6 Prozent Energie und Industrie, 23,8 Prozent Verkehr und 8,1 Prozent Landwirtschaft.

Innerhalb der EU ist der CO2-Ausstoß in Deutschland mit 800 Millionen Tonnen im Jahr am höchsten. Im weltweiten Vergleich sind laut Joint Research Center (JRC) der Europäischen Kommission im Jahr 2017 China (10.900 Millionen Tonnen), USA (5.100) und Indien (2.500) für die meisten CO2-Emissionen verantwortlich. An der Spitze stehen also diese drei Staaten.

2017 kündigte die USA den Rücktritt aus dem 2016 in Kraft getretenen Pariser Klimaschutzabkommen, der Nachfolge des Kyoto-Protokolls, an. China und Indien, die zwar dem Abkommen beigetreten sind, kämpfen jedoch damit, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum in gleichem Ausmaß zu fördern.

Das mediale Klima im Klimawandel

"Wie tödlich der Klimawandel bereits jetzt schon ist." - "Forscher warnen: Klima steht vor dem Kollaps. Bereits 1,5 Grad Temperaturanstieg." Mediale Diskurse sind nicht selten von einer Vereinfachung, Verkürzung, Zuspitzung und vor allem einer zunehmenden Emotionalisierung geprägt. Wie schafft man es, in diesem öffentlichen Stimmengewirr nicht unterzugehen?

Sind ein, zwei Grad wärmer viel, nicht viel oder zu viel? Der Physiker Werner Gruber sagt eindeutig: "Sehr viel! Denn es ist eine Durchschnittstemperatur, und das bedeutet, dass die Maximaltemperaturen nicht nur ein, zwei Grad, sondern bedeutend höher sind."

Die Folge einer zweiwöchigen Hitzeperiode mit Temperaturen zwischen 35 und vierzig Grad: Die Vegetation kann sich nicht mehr erholen. "Weitere deutliche Auswirkungen des Klimawandels in Europa sind neben dem Temperaturanstieg Krankheiten wie die Malaria in Sizilien und vermehrt Umweltkatastrophen wie Sturzregen oder Vermurungen", sagt der Physiker.

Die Schäden eines Unwetters, marode Böden, gerodete Wälder - die Emotionalisierung wird nicht nur verbal, sondern auch durch eine bildliche Gestaltung gesteuert. Dabei gibt es unterschiedliche Varianten:

"Man kann die Auswirkungen wie ausgetrocknete Böden, abgeschmolzene Gletscher oder die Ursachen, etwa rauchende Schlote abbilden. Oder man versucht, visuell eher Lösungen ins Bild zu rücken", erklärt Daniel Pfurtscheller. Denn vor allem die Bilder entscheiden maßgeblich darüber, wie wir Inhalte wahrnehmen. Das hundertste Foto eines Eisbären oder das gängige Motiv einer brennenden Erde wecken jedoch weder Aufmerksamkeit noch Betroffenheit. "Das Forschungsprojekt Climate Visuals versucht, abseits von stereotypen Bildern eine alternative Bildsprache zu finden und stellt dieses Bildmaterial frei zur Verfügung", berichtet der Medienlinguist Pfurtscheller.

Mithilfe des Tools "Wikipedia Crosslingual Image Analysis" hat der Sprachund Medienwissenschaftler das Onlinelexikon Wikipedia untersucht und festgestellt, dass sich die unterschiedlichen Sprachversionen auch hinsichtlich ihrer Bebilderung stark unterscheiden.

"Bei der Analyse der Wikipedia-Seite zur globalen Erwärmung konnten jedoch auf den ersten Blick keine markanten Unterschiede festgestellt werden. Es überwiegen in den meisten Sprachversionen informationsbetonte Grafiken wie beispielsweise Diagramme, die den Temperaturverlauf anzeigen", sagt Pfurtscheller.

Kernfusion als Lösung der Klimakrise?

Was tun also, um der Klimakrise Einhalt zu gebieten? Für Werner Gruber die vernünftigste Lösung ist die Technik. Konkret: die Stromerzeugung durch Kernfusion. ITER ist ein Kernfusionskraftwerk und Forschungsprojekt im südfranzösischen Cadarache. "Technologisch ist es gelöst", sagt der Physiker. Er setzt sich für die rasche Inbetriebnahme von ITER ein, ist aber auch ein Unterstützer des Klimavolksbegehrens.

In der Klimakrise ist unser Tun, Diskutieren und Mitarbeiten wichtiger denn je, online wie offline. Es braucht jedoch mehr als eine grüne Vision und einen ressourcenschonenden Lebensstil. Menschen können neben der Änderung des eigenen Lebens und der Verkleinerung des eigenen ökologischen Fußabdrucks auch politischen Druck aufbauen, wie etwa "Fridays for Future" zeigt. Das zwingt politisch und wirtschaftlich Verantwortliche zu Maßnahmen.

Da ein Großteil der CO2-Emissionen industriebedingt ist, kann die Umstellung des eigenen Lebenswandels nur ein erster Schritt sein. Politisches Ziel ist die grundlegende Änderung der aktuellen Entwicklung durch politische Direktiven -nicht nur in Europa.

Ohne Veränderungen auf dieser Ebene und vor allem bei den größten Emittenten USA, China und Indien können die Fortschritte im eigenen Lebensbereich allein die Klimakrise nicht bewältigen.

DAS GESAMTE GESPRÄCH MIT DEM PHYSIKER WERNER GRUBER UND DEM MEDIENEXPERTEN DANIEL PFURTSCHELLER: WWW.MUNDARTPODCAST.AT

"Auswirkungen des Klimawandels in Europa sind auch Krank heiten und Umweltkatastrophen"

WERNER GRUBER, PLANETARIUM WIEN

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