ZEITGESCHICHTE

US-amerikanisches Hilfsprogramm für Europa

Der Marshall-Plan, das wirtschaftliche Hilfsprogramm der USA nach dem Zweiten Weltkrieg, hatte einen Vorläufer -speziell in Österreich

SABINE EDITH BRAUN
vom 23.10.2019

"Herbert Hoover hat mehr Menschenleben gerettet als jede andere Person in der Geschichte", bringt es der US-Historiker George H. Nash auf den Punkt. Die Marshallplan- Hilfe nach dem Zweiten Weltkrieg ist einigermaßen bekannt, ihr Vorgängerprogramm unter der Leitung des späteren 31. US-Präsidenten in Vergessenheit geraten. Ein Symposion an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften widmete sich dieser US-Hilfsaktion.

Initiiert wurde die Tagung vom Auslandsösterreicher Gregor Medinger. Seine Mutter und Tante waren im Rahmen der großen Kinderverschickungsaktionen nach Holland gekommen. Medingers Großvater hatte den Gasteltern ein Ölporträt der Mädchen zum Dank geschickt. Dieses entdeckte Medinger in einem Auktionskatalog und begann, die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und die damaligen US-Hilfsaktionen zu erforschen. Dabei stieß er auf die Dissertation von Franz Adlgasser, die einzige wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema. Gemeinsam mit Adlgasser, der am Institut für Neuzeit-und Zeitgeschichtsforschung an der ÖAW tätig ist, organisierte Medinger die Tagung.

Rund ein Zehntel der europäischen, jedoch neunzig Prozent der österreichischen Kinder waren unterernährt. Durch die Hilfsaktion wurden täglich 300.000 von ohnen versorgt. "Food Trains" aus Triest lieferten 1920 unter anderem 200.000 Tonnen Mehl oder ein Jahr später auch 150.000 Riegel Hershey-Schokolade. Laut Ulrich Schwarz-Gräber vom St. Pöltner "Institut für die Geschichte des ländlichen Raums" ging die Hälfte der Rationen nach Wien, 16 Prozent nach Niederösterreich. Zu den Regionen mit den meisten unterernährten Kindern zählten Waidhofen/Ybbs, Schottwien, St. Pölten, Favoriten und Pottschach. Im Wald-und Weinviertel war die Situation besser.

Adlgasser berichtet von einem speziellen Bereich der Hilfsaktion, der sich an österreichische Akademiker richtete. Bei dieser "Intelligenz-Hilfe" hatten die Empfänger einen kleinen Beitrag zu entrichten, "um ihren Selbstwert zu bewahren", so Adlgasser. Auch Studierende von US-Universitäten unterstützten Herbert Hoovers "American Relief Administration" (ARA).

Lebensmittel waren das eine. Was im zerstörten Europa außerdem fehlte, waren Kohle und Öl ebenso wie funktionierende Telefon-und Telegrafenleitungen. Was vom einstigen Kaiserreich übrig geblieben war, erwies sich als eine Art gescheiterter Staat. So hatten Herbert Hoover und seine ARA die Kontrolle über das gesamte Schienennetzwerk der ehemaligen Monarchie.

Warum hilft man überhaupt einem geschlagenen Feind? Um Anarchie und Bolschewismus zu verhindern und "die rote Flut einzudämmen", wie es TTC Gregory, ein Mitarbeiter Hoovers, formulierte. Also, selbstlos war die Sache nicht. "Die USA schauten schon darauf, dass die Österreicher wussten, woher die Hilfe kam", erklärt Adlgasser. Außerdem war diese Hilfe - neben Lebensmitteln auch Kleidung - eine nicht unwesentliche Unterstützung für die US-amerikanische Landwirtschaft und Textilindustrie.

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