: GENETIK

"Es geht immer wieder um die Frage, wer für die Krankheit verantwortlich ist"

Genetische Studien bestätigen, dass Magersucht teils vererbt wird. Aber was bedeutet das für die Therapie und Familie?

STELLA MARIE HOMBACH
vom 13.11.2019

Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen, über die Ergebnisse seiner Anorexie-Forschungen.

Herr Zipfel, Sie und ein internationales Team von Wissenschaftlern haben das Erbgut von 17.000 Personen mit der Diagnose Anorexie untersucht. Magersucht ist zum Teil genetisch bedingt, das haben zahlreiche Familien-und Zwillingsstudien erbracht. Was haben Sie Neues entdeckt?

Stephan Zipfel: Zunächst konnten wir dieses Wissen bestätigen. Dazu fanden wir starke Ähnlichkeiten mit dem genetischen Profil von Menschen mit Zwangsstörungen, Depression und Schizophrenie sowie Gene, die im Körper für bestimmte Stoffwechselprozesse zuständig sind, etwa für die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2. Auch den erhöhten Bewegungsdrang, den viele Betroffene empfinden, konnten wir genetisch nachweisen.

Woher wissen Sie, dass die Gene, die Sie identifiziert haben, vererbt wurden und nicht erst durch die Erkrankung entstanden sind?

Zipfel: Durch die Epigenetik wissen wir, dass einzelne Gene auch durch Umwelteinflüsse verändert werden können, etwa durch bestimmte Enzyme. Um diese Veränderungen zu erforschen, schaut man sich die sogenannte Methylierung an. Wir untersuchten jedoch nicht die Methylierungen, sondern die Gene selbst. Wichtig ist zu wissen, dass die Anorexie eine sehr komplexe Erkrankung ist. Das heißt, sie wird nicht durch ein bestimmtes Gen oder Chromosom ausgelöst, sondern durch ein Zusammenspiel von einer Vielzahl von Genen und psychosozialen Konfliktkonstellationen, etwa in der Familie.

Sie schlagen nun vor, Anorexie nicht mehr nur als psychiatrische, sondern auch als Stoffwechselerkrankung zu behandeln. Was genau meinen Sie damit?

Zipfel: Dass Magersucht nicht nur die Psyche betrifft, sondern auch den Körper, wissen wir im Grunde seit Jahren. Daher ist es bei der Therapie auch so wichtig, das niedrige Gewicht, insbesondere die Mangel-und Fehlernährung, gezielt zu behandeln. Bei sehr ausgeprägtem Untergewicht müssen viele Betroffene zunehmen, bevor sie psychotherapeutisch behandelt werden können. Denn ab einem gewissen Grad der Unterversorgung sind die meisten gar nicht in der Lage, einem psychotherapeutischen Gespräch zu folgen. Wie sehr das Untergewicht den Stoffwechsel, die Ausschüttung von Hormonen und die Psyche beeinflusst, wird in der Praxis noch zu wenig beachtet. Anorexie auch als Stoffwechselerkrankung zu betrachten, ist daher ein Appell, dem Wechselspiel von Körper und Psyche mehr Beachtung zu schenken.

Ist der nächste Schritt die genetisch individualisierte Therapie?

Zipfel: Davon sind wir noch weit entfernt. Ebenso wie von der Entwicklung eines Medikamentes, das die Essstörung heilen könnte. Dafür ist die Krankheit zu komplex.

Wenn die genetischen Erkenntnisse nicht dazu beitragen, die Therapie zu verbessern, worin liegt dann der Mehrwert?

Zipfel: Vor allem in der Kommunikation. Nicht nur in Bezug auf Betroffene und deren Familie, sondern auch in Richtung Gesellschaft. In Gesprächen mit Patienten und Angehörigen taucht häufig der Begriff der Schuld auf. Es geht immer wieder um die Frage, wer für die Krankheit verantwortlich ist: Die Person, die nicht isst, die Eltern, die dem Kind zu wenig Aufmerksamkeit schenken, oder das Schönheitsideal unserer Gesellschaft? Zu wissen, dass es neben Risikofaktoren oft eine genetische Veranlagung gibt, kann Betroffene entlasten, Angehörigen helfen, die Erkrankung anzusprechen und Magersucht als Krankheit entstigmatisieren.

Müssen Eltern, die selbst eine Essstörung hatten, befürchten, dass auch ihre Tochter eine Anorexie entwickelt?

Zipfel: Nein. Es ist zwar wahrscheinlich, dass das Mädchen ein erhöhtes Risiko für die Erkrankung trägt. Die Frage, ob es magersüchtig wird oder nicht, hängt jedoch von vielen weiteren Faktoren ab. Wichtig ist, dass die Eltern ihrem Kind einen gesunden Umgang mit Essen und dem eigenen Körper vermitteln.

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