: WA S AM ENDE BLEIBT

Propaganda

ERICH KLEIN
vom 13.11.2019

Im Jahre 9. n. Chr. erlitten römische Legionen unter Publius Varus im Teutoburger Wald eine vernichtende Niederlage gegen das germanische Heer unter dem Cheruskerfürsten Arminius. Im Stück von Heinrich von Kleist "Die Hermannsschlacht", einem Partisanenstück mit eindeutiger politischer Botschaft im Kampf gegen Napoleon, das in der Folge deutsch-patriotisch verstanden und von den Nationalsozialisten unzählige Male auf die Bühne gebracht wurde, finden sich zahlreiche Versatzstücke moderner Propaganda.

Arminius/Hermann greift zu List und Verrat und schreckt auch vor Grausamkeiten nicht zurück. So lässt er das Gerücht verbreiten, die Germanin Hally sei von einem Römer vergewaltigt worden. Ob der Schändung wird sie von ihrem Vater Theuthold ermordet.

Ein Stück aus dem Geist des bürgerlichen Trauerspieles wäre an dieser Stelle zu Ende - allein Kleist entfacht hier ein Spiel der wildesten Raserei. Hermann lässt den Leichnam des Mädchens in Stücke teilen und an die fünfzehn Stämme der Germanen verteilen, um die Gier nach Rache zu schüren. Was wie eine blasphemische Parodie auf die Stämme Israels klingt, führt den Schlachtruf "Freiheit" auf geifernden Lippen. Denn: Der Zweck heiligt die Mittel. Man mag bei all dem gleichermaßen an "Ehrenmorde" wie die Me-too-Debatte denken, an "Antanzen", Fake News und "alternative Fakten" - an das ganze Repertoire heutiger populistischer Politik. Martin Kusej, Direktor des Wiener Burgtheaters, der das Stück gerade inszeniert, bezeichnete Hermann nicht zufällig als "Urvater aller Populisten seit zweitausend Jahren" und "totales Arschloch" mit Wiedererkennungswert.

Die Aktualität des Stückes verwundert nicht, hat doch Kleist die kulturellen Bestände Europas bis in letzte Untiefen ausgelotet und dafür entsprechend surreale Bilder der Gewalt gefunden. Allerdings sprach der Dichter, dem keine zeitgenössische Raserei fremd schien, noch "klassisch". So klingt auch eine der schillerndsten Szenen: Der im Wald verirrte Varus trifft auf eine Alraune und stellt die drei Fragen: Woher komme ich? Wo bin ich? Wohin gehe ich? Die Antwort ist ein dreifaches "Nichts!" Der Römer befinde sich "zwei Schritt vom Grab, hart zwischen Nichts und Nichts!" Allerdings, fügt die Alraune schnippisch hinzu, was am Ende bleibt: "Gehab dich wohl!"

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