Verschwörung der Verlierer

Wenn im Sport verloren wird, sind schnell Verschwörungstheorien bei der Hand

TEXT: BRUNO JASCHKE
vom 13.11.2019

Valentinstag 2004. In einem Hotel in Rimini öffnet der Portier mit Mühe die Tür zum Zimmer eines prominenten Gasts. Drinnen liegt Marco Pantani. Tot. Der italienische Radrennstar, Volksheld und bislang Letzte, der in einem Jahr (1998) beide große Rundfahrten, den Giro d'Italia und die Tour de France gewonnen hat, ist, wie Publizisten genüsslich festhalten werden, vermutlich als Junkie gestorben. Der Gerichtsmediziner stellt eine Überdosis Kokain fest.

Tod eines Rennradfahrers: Hatte die Mafia die Hand im Spiel?

Der Tod des 34-jährigen Kletterspezialisten war das Ende eines langen Abstiegs. Begonnen hatte er an jenem 5. Juni 1999, da Pantani, das Gesamtklassement anführend, wegen eines erhöhten Hämatokritwerts vom Giro ausgeschlossen wurde. Von diesem Schlag erholte er, der seine Unschuld hartnäckig beteuerte, sich nie mehr. Er feierte noch vereinzelte Erfolge, wurde jedoch erneut des Dopings überführt und versank im Sumpf von Kokainsucht und Depressionen.

Pantanis Familie und Fans wollen freilich nicht glauben, dass diese Tragödie ohne fremdes Zutun passiert ist. Sie behaupteten, sowohl beim Giro-Ausschluss wie auch bei Pantanis Ableben habe die Mafia ihre Hand im Spiel gehabt. Während Letzteres wohl Legende sein dürfte, hat die These einer Mafiaintrige bei Pantanis erzwungenem Exit vom Giro etwas für sich. So urteilt jedenfalls der deutsche Sportjournalist Frieder Pfeiffer in seinem Buch "Ronaldo stirbt" (Delius Klasing, 2018).

Hatte jemand Ronaldo bei der Fußball-WM in Paris vergiftet?

In seinem Buch führt Pfeiffer zahlreiche Verschwörungstheorien um sportliche Großereignisse an und bewertet ihre Stichhaltigkeit. Der "Phantom Punch" von Muhammad Ali gegen Sonny Liston wird hier ebenso analysiert wie die kontaminierte Zahnpasta des deutschen Leichtathleten Dieter Baumann, ein Stromausfall bei der Super Bowl 2013 oder die vorübergehende "Ruhigstellung" des Basketball-Stars Michael Jordan wegen seiner Spielsucht.

Der Buchtitel bezieht sich auf einen Vorfall vor dem Finale der Fußball-WM 1998 zwischen Frankreich und Brasilien in Paris: Wenige Stunden vor dem Anpfiff kollabierte der brasilianische Stürmer Ronaldo mit Krämpfen und Schaum vor dem Mund in seinem Hotelzimmer. Nach einer ergebnislosen Untersuchung in einem Krankenhaus lief er schließlich doch auf, spielte jedoch weit unter seiner Normalform. Frankreich wurde Weltmeister. Auf Schiebungsgerüchte und Spekulationen um Ronaldo, die von vertuschtem Doping bis zu einem schmutzigen Deal zwischen dem Fußball-Weltverband FIFA und brasilianischen Funktionären reichten, gibt Pfeiffer nicht viel.

Auch der Sportwissenschaftler Minas Dimitriou, Fachkoordinator des Studienzweigs Sport-Management-Medien an der Universität Salzburg, sagt: "Gut, Ronaldo war schwach. Aber was war mit den anderen Brasilianern?"

Deutsche Mythen, Pervitin und Lattenpendler

Fußballweltmeisterschaften bieten Gelegenheit für Spekulationen um Fehlpfiffe von Schiedsrichtern, unerklärliche Formschwankungen bei Spielern und eigentümliche Resultate. Mancher Verdacht ist mittlerweile Fakt. So war der Titel für Italien bei der Heim-WM 1934 ein Werk von Benito Mussolini. "Es gibt historische Belege, dass Mussolini mehrere Schiedsrichter bestochen hat", sagt Dimitriou.

Auch ein Mythos der Bundesrepublik wackelt: der Gewinn der Fußball-WM 1954 in der Schweiz. In der Halbzeit des Finales gegen Ungarn erhielten die deutschen Spieler Spritzen. Das ist unbestritten. Ebenso, dass mehrere von ihnen ein paar Monate danach an Gelbsucht erkrankten. Dies wurde mit schlechten hygienischen Bedingungen erklärt. Aber was war in den Spritzen? Die deutschen Spieler sprachen von Vitamin C. Ungarns Stürmerstar Ferenc Puskas hingegen äußerte einen Doping-Verdacht. Wissenschaftler der Humboldt-Universität in Berlin kamen 2013 zum Schluss, das möglicherweise Pervitin gespritzt wurde. Mit dem Aufputschmittel kämpften deutsche Soldaten im "Blitzkrieg" gegen Frankreich.

Zwölf Jahre später fühlte sich die deutsche Mannschaft im WM-Finale von 1966 durch das fragwürdige "Wembley-Tor", als der Engländer Geoff Hurst die Latte des deutschen Tores innen traf, um den Titel betrogen. Aus südamerikanischer Sicht ist indes das Viertelfinale fragwürdig: Der britische Referee Jim Finney leitete die Partie Uruguay gegen Deutschland, während der Deutsche Rudolf Kreitlein England gegen Argentinien pfiff. In beiden Fällen beeinflussten fragwürdige Ausschlüsse die Partien, bei denen jeweils das südamerikanische Team den Kürzeren zog.

Ein Fußball-WM-Titel als Absprache zweier Diktatoren

Die umstrittenste Fußball-WM fand 1978 in Argentinien statt. Das Regime unter Diktator Jorge Rafael Videla wollte vor den Augen der Welt ein Fest inszenieren, während unweit der Stadien zigtausende Oppositionelle und Kritiker gefoltert und ermordet wurden. Für den WM-Titel benötigten die bis dahin enttäuschenden Argentinier im Halbfinale einen Sieg mit vier Toren Differenz gegen die Überraschungsmannschaft Peru. Die Argentinier gewannen 6:0.

Zu den Merkwürdigkeiten ihres Kantersiegs gehörten eine gewisse Heimtendenz des französischen Schiedsrichters Robert Wurtz und ein Gegner, der in eine eigentümliche Lethargie verfallen zu sein schien. Argentinien kam ins Finale und sicherte sich mit einem 3:1 gegen die Niederlande den WM-Titel.

Über die Jahre hin haben sich Gerüchte, hinter dem Halbfinalergebnis stecke eine Absprache zwischen Videla und Perus Diktator Francisco Morales Bermúdez, verdichtet. Es soll dabei um 35 Millionen Tonnen Getreide und einen 50-Millionen-Dollar-Kredit an Peru gegangen sein. 2018 erklärte der peruanische Spieler Jose Velazquez, sechs Spieler seiner Mannschaft seien gekauft gewesen. Sein Mitspieler Germán Leguia bestätigte im Gegensatz zu den meisten anderen Akteuren diese Aussage. Beide erinnern sich auch an einen ungewöhnlichen Besuch knapp vor dem Spiel. Da sei Videla in Begleitung des damaligen US-Außenministers Henry Kissinger in der Kabine vorstellig geworden, um die guten Beziehungen zwischen Argentinien und Peru in Erinnerung zu rufen.

Der WM-Triumph des argentinischen Fußballteams war auch ein Triumph der Diktatur, die das Land noch weitere drei Jahre terrorisieren konnte.

Ein Phantom Punch, wieder die Mafia und die Verlierer

Die Inszenierung von Sportereignissen als große Medienspektakel sei Verschwörungstheorien besonders zuträglich, sagt Minas Dimitriou: "Sie heben das Ganze auf eine Metaebene. Dabei geht es darum, eine Erzählung, ein Narrativ zu schaffen."

Ein Metier, in der diese Kunst seit jeher geübt wird, ist das Boxen. Seine größten Mythen ranken sich um die Kämpfe zwischen Muhammad Ali und Sonny Liston: Der "Tänzer" gegen den "Gorilla", wie Liston mit kaum verhohlenem Rassismus genannt wurde. Den ersten Kampf hatte Ali noch unter seinem bürgerlichen Namen Cassius Clay wegen einer angeblichen Schulterverletzung Listons gewonnen. Im Retourkampf schickte er Liston nach 105 Sekunden auf die Bretter. Ob er ihn überhaupt getroffen hat, wird nie geklärt werden. In der Sporthistorie ist der mysteriöse Niederschlag als "Phantom Punch" verzeichnet. Gerüchte, Liston habe simuliert, um Schulden bei der Mafia zu begleichen, sind nie verstummt.

"Es waren hier hohe Wetteinsätze im Spiel", erklärt Dimitriou, "Menschen, die viel Geld bei einer Wette verloren haben, neigen dazu, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Ein anderes Motiv ist, eine schwache Leistung des ,eigenen' Teams zu relativieren."

Verschwörungstheorien im Sport kommen fast ausschließlich aus dem Lager, das verloren hat. "Im Sport übersteigt die Zahl der Verlierer die der Gewinner um ein Vielfaches. Ein Ende der Verschwörungstheorie im Sport ist also nicht abzusehen", schließt Frieder Pfeiffer sein Buch.

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