: HORT DER WISSENSCHAFT

Verschwörung im Feldversuch

MARTIN HAIDINGER
vom 13.11.2019

Der Kulturanthropologe Didier Fassin (siehe Seite 12) ist der weltweit führende Forscher auf dem Gebiet der Verschwörungstheorien. Er meint, dass sie häufig Unterdrückungsverhältnisse und Ängste in Gesellschaften widerspiegeln.

So gesehen, nehmen die Menschen schon seit Jahrhunderten an einem Feldversuch teil, aus dem die Wissenschaft lernen kann. Erfunden hat den Begriff Karl Popper in seinem Werk über die "Offene Gesellschaft" 1945, aber das Phänomen existierte schon lange vorher.

Laut Popper ist die Verschwörungstheorie der Versuch, soziale Phänomene und historische Ereignisse durch den Nachweis zu erklären, "dass gewisse Menschen oder Gruppen an dem Eintreten dieses Ereignisses interessiert waren und dass sie konspiriert haben, um es herbeizuführen. (Ihre Interessen sind manchmal verborgen und müssen erst enthüllt werden.)"

Sir Karl richtete sich damals vor allem gegen die marxistischen Planspieler, die in der Geschichte überall die sinistren, globalen Mächte des Kapitals obwalten sahen, aber die Palette ist viel bunter. Es gibt faktisch nichts, aus dem man keine Verschwörung konstruieren könnte.

So haben nicht nur Aliens sämtliche antiken Kulturen begründet, die CIA Kennedy, die Freimaurer Jörg Haider ermordet und die Rauchverbote dem lebensrettenden, vor Chemtrails schützenden Schleim der Raucherlungen den Garaus gemacht, darüber hinaus kehrt durch Carola Racketes totalitäre Gedankenwelt und die Enteignungspolitik der Berliner Stadtregierung der deutsche Kommunismus wieder, auch unterwandern 3.000 Burschenschafter mit Liederbüchern in der Hand die österreichische Republik.

Abgesehen von solchen Geschichten kommen auch real existierende Verschwörungen vor. Zum Beispiel das Agentennetz des Ex-SS-Offiziers Wilhelm Höttl, das dieser im Auftrag der US-Amerikaner zu Beginn des Kalten Kriegs im Salzkammergut aufgezogen hatte. Höttl trainierte außerdem im Toten Gebirge Guerillas (vor allem alte Nationalsozialisten) für einen Krieg in Ungarn und Rumänien. Nachzulesen in meinem neuen Buch: "Wilhelm Höttl. Spion für Hitler und die USA"(Verlag Ueberreuter, Wien).

Kläglich gescheitert ist dagegen die "Quartalsverschwörung" von Falter Heureka-Chefredakteur Christian Zillner und mir, die zum Ziel hatte, mindestens viermal im Jahr ein "Achtelfinale" beim Heurigen zu veranstalten. Konspirative Schlamperei haben diese Verschwörung zur Hebung der Weinkultur versanden lassen.

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