Weltverschwörung und Lügenpresse

Österreichische Forschung über internationale Verschwörungstheorien

TEXT: BARBARA FREITAG
vom 13.11.2019

Jürgen Grimm und Jens Seiffert-Brockmann, Kommunikationswissenschafter am Institut für Publizistik der Universität Wien, sowie Claus Oberhauser, Geschichtsdidaktiker und Historiker am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck (conspiracytheories.eu) untersuchen Verschwörungstheorien.

Herr Grimm, in Ihrem Forschungsprojekt COMRAD untersuchen Sie Kommunikationsmuster der Radikalisierung

Jürgen Grimm: Der Klassiker ist das Konstrukt der "jüdischen Weltverschwörung", die zur Grundlage der Nazi-Ideologie wurde und heute im arabischen Raum und bei Rechtsextremen populär ist. Die "Neue Rechte" hat dem ein weiteres Narrativ hinzugefügt: den im Geheimen geplanten "großen Bevölkerungsaustausch", der das Ende der nationalen europäischen Kulturen einläute. Dabei spielt der explizite Antisemitismus eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund steht die Bedrohung durch Migration und Islam. Allerdings lässt sich auch eine Revitalisierung des Antisemitismus beobachten, sei es als Verschiebung der Grenzen des Sagbaren, sei es als die Wiederkehr des "ewigen Juden" in Gestalt des "Fremden". Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien scheint bei der politischen Rechten größer zu sein. Bei einer Umfrage 2018 unter fünfhundert Österreichern war die von uns gemessene Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien bei FPÖ-Anhängern weit höher als bei denen der SPÖ und der Grünen. Linke Varianten von Verschwörungstheorien sprechen von "Diktatur des Großkapitals" oder "US-Imperialismus" oder bringen eine antisemitisch aufgeladene Kritik an Israel. Typisch für linke Verschwörungstheorien sind Übertreibungen real vorhandener Machtkonstellationen.

Wie wirkt die Berichterstattung in Medien über politische Ausschreitungen?

Grimm: Sie wirkt auf die Radikalisierungsprozesse selbst. In einer Medienwirkungsstudie über politisch motivierte Gewalt gegen Ausländer einerseits und die Krawalle auf dem G20-Gipfel in Hamburg andererseits konnten wir nachweisen, dass der Abschreckungseffekt dominiert, d.h. brennende Asylantenheime und Barrikaden sind keine Empfehlung zur Nachahmung, sondern eine Realität, die man unbedingt vermeiden möchte. Wir sprechen hier von "negativem Lernen". Entscheidend ist dabei, dass die Polizei als Ordnungsmacht glaubwürdig in Erscheinung tritt. Eine Polizei, die das Gewaltszenario nicht mehr beherrscht, fördert hingegen den Eindruck von Anarchie mit verheerenden Wirkungen für das Sicherheitsempfinden und unkalkulierbaren Folgen für das Denken und Handeln der Zuschauer. Pointiert könnte man auch sagen: "Linke" Gewalt desavouiert legitime friedliche Proteste, während "rechte Gewalt gegen rechtsextreme Ideologien immunisiert. Die Radikalisierung im Internet reproduziert die sektenartige Abschließung insofern, als Informationen, die das eigene Weltbild bestätigen, bevorzugt in der eigenen Blase weiterverbreitet werden. Alles vermittelt den Eindruck spontaner, selbstgewählter Zugehörigkeit. Das ist die "schöne neue Welt" der Radikalisierung im Internet, die als solche gar nicht mehr empfunden werden muss. Kommen soziale Isolation und moralische Empörung hinzu, sind die Zutaten für gewaltsame Formen der Radikalisierung bereitet. Der Attentäter auf die Synagoge von Halle ist ein Verschwörungstheoretiker, der isoliert und zurückgezogen lebte und seine Lektionen von der jüdisch gelenkten "Umvolkung" auf anonymen Internetforen gelernt hat.

Herr Oberhauser, was ist die antiilluminatische Verschwörungstheorie?

Claus Oberhauser: Im von mir geleiteten FWF-Projekt "Diplomatie aus dem Untergrund" ging es um den Mönch Alexander (Maurus) Horn, der sich im späten 18. sowie 19. Jahrhundert vom Bibliothekar zum Geheimagenten entwickelte. Darüber hinaus fungierte er als Buchhändler. In dieser Rolle verschickte er wahrscheinlich antiilluminatische Bücher aus dem deutschsprachigen Raum nach Großbritannien. In Edinburgh schrieb der Professor für Naturphilosophie, John Robison, das heute noch zitierte, verschwörungstheoretische Werk "Proofs of a Conspiracy"(1797). Die Unterlagen wurden ihm u. a. von Alexander Horn zugeschickt. Diese kaum bekannte Tatsache versinnbildlicht eine wichtige Aufgabe der historischen Forschung im Hinblick auf diesen Themenkomplex: Es geht darum zu zeigen, wie ein Autor wie John Robison zu seinen bis heute wirksamen verschwörungstheoretischen Ansichten kam. Dies hilft dabei, den historischen Kontext zu verstehen.

Was denken Sie über Verschwörungstheorien in Dan Browns "Illuminati" oder Umberto Ecos "Friedhof in Prag"?

Oberhauser: Historische Romane spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle bezüglich Verschwörungstheorien. Gerade Dan Browns "Illuminati" hat die Forschung über die historischen Illuminaten befeuert. Allerdings teilen Browns Illuminaten mit den echten nur den Namen. Anders Ecos "Friedhof in Prag". Er spielt mit historischen Fakten und stellt fiktiv Bezüge her, die zum Nachdenken anregen. Insbesondere der Protagonist Simonini ist für die historische Forschung noch immer ein Rätsel. Wir wissen mittlerweile, dass Simonini dem Verschwörungstheoretiker Augustin Barruel 1806 einen Brief geschrieben hat, in dem er nicht den Illuminaten oder Freimaurern die Schuld am Ausbruch der Französischen Revolution anlastete, sondern den Juden. Eco verwendet diese historische Figur und konstruiert eine Familiengeschichte: Ein Verwandter Simoninis beeinflusst in seinem Roman die Entstehung der Protokolle der Weisen von Zion entscheidend.

Sie sind Mitinitiator der Netzwerks "Comparative analysis of conspiracy theories in Europe"

Oberhauser: Das Projekt hat zum Ziel, Forschungen über Verschwörungstheorien aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu bündeln. Dies gestaltet sich schwierig, da etwa quantitativ arbeitende Psychologen eine andere wissenschaftliche Sprache als Historiker sprechen. Am Projekt nehmen knapp über 150 Wissenschaftler aus diversen Ländern teil. Ein wichtiges Ergebnis ist ein Handbuch über Verschwörungstheorien. Meine Aufgabe besteht darin, die österreichischen Interessen gemeinsam mit Eva Horn von der Universität Wien als Mitglieder des Management Commitees zu vertreten.

Herr Seiffert-Brockmann, fällt das Narrativ von der "Lügenpresse" unter die Verschwörungstheorien?

Seiffert-Brockmann: Ja. Die Kommunikationswissenschaftlerin Irene Neverla nennt es "eine Erzählung über betrügerische Medien und die Schuldigen der gesellschaftlichen Krise, vor allem die Eliten in Politik, Wirtschaft und Medien". Die Idee dahinter: Es gibt eine Verschwörung der Medien und der Eliten aus Politik und Wirtschaft, welche die Öffentlichkeit manipuliert und ihr, so wird unterstellt, die Wahrheit vorenthält. Es geht bei dieser Ideologie nicht zentral um Journalismus und Medien, sondern um das Gefühl der Betroffenen, die eigene Erzählung nicht mehr in der Hand zu haben. Vor den Anwürfen wie "Lügenpresse" kann man sich nur schwer schützen, denn alles wird im Sinne der Verschwörung interpretiert.

Man spricht auch davon, wissenschaftliche Studien seien "gefakt". Hat das einen verschwörungstheoretischen Konnex?

Seiffert-Brockmann: Denken Sie an die Flat-Earth-Bewegung, die postuliert, dass im Grunde die gesamte Naturwissenschaft in eine Verschwörung verwickelt ist, um die "Tatsache" zu verheimlichen, dass die Erde eine Scheibe ist. Jede Studie, die diese Weltsicht widerlegt, muss per Definition gefälscht sein, sonst wäre die kognitive Dissonanz für die Betroffenen nicht auszuhalten. Was also eine gefakte Studie ist, hängt immer von der Betrachtung ab. Es ist nicht ohne Ironie, dass sich um tatsächlich gefälschte Studien wie jenen von Andrew Wakefield, der behauptet, es gäbe einen Zusammenhang zwischen Autismus und Impfen, die Verschwörungstheorien der Anti-Vaxxer bilden. Der Fake ist selbst der Ausgangspunkt der Überzeugung, dass alles andere Fake ist.

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