Auf den Hund gekommen

Hunde eignen sich hervorragend für den therapeutischen Einsatz bei Menschen

TEXT: JOCHEN STADLER
vom 03.06.2020

Durch das Wachkoma sind die Muskeln der Patientin ständig angespannt, auch als Helga Widder mit ihren Therapiehündinnen "Becsi" und "Gimely" der Station einen der regelmäßigen Besuche abstattet. Sie legt eine Decke auf das Bett und lässt die Hündin mit der Patientin kuscheln. Der Kontakt mit dem weichen, warmen Fell soll verlorenes Körpergefühl zurückbringen. Dann legt sie Leckerlis in die zusammengekrampfte Hand. "Ich hatte nasse Augen, als ich sah, was dann passiert ist", berichtet Widder, die vor dreißig Jahren die Biologin Gerda Wittmann bei der Gründung des Vereins "Tiere als Therapie" unterstützt und mittlerweile selbst unter anderem acht Hunde und zwei Katzen als tierische Therapeuten ausgebildet hat. Gespenstisch langsam öffnet sich die Hand der Patientin, um die Hündin mit den Leckerlis zu füttern.

Tiere können unsere Stimmungen besser wahrnehmen

"Es gibt verschiedene medizinische Studien, die zeigen, dass die Therapie mit Tieren eine Reihe von positiven Auswirkungen auf die Patienten hat", erklärt Gerald Gatterer vom Sozialtherapeutischen Zentrum Ybbs an der Donau des Wiener Krankenanstaltenverbunds und der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien. Streicheln senkt den Stresshormonspiegel und führt zur Ausschüttung des Bindungs-, Liebes-und Beziehungshormons Oxytocin. Der Hormonhaushalt und die Stimmung der Patienten werden von den tierischen Therapeuten in der Regel in die "gesunde Mitte" gerückt, sagen die Experten.

Hyperaktive Kinder werden ruhiger, weil sie andernfalls keinen Draht zu den Tieren bekommen, schüchterne Kinder werden offener. Die Tiere haben viel schärfere Sinne als Menschen und können unsere Körpersprache besser lesen als jeder menschliche Profi. Hunde nehmen mit einem millionenfach feineren Geruchssinn wahr, welche Hormone und Signalstoffe ein Mensch über die Haut ausscheidet und beziehen daraus Informationen, in welcher Stimmungslage er sich befindet. Weil sie die menschliche Sprache nicht verstehen und auch untereinander kaum mit Lautäußerungen kommunizieren, haben sie gelernt (und es nun sogar im Erbgut), wie man Körpersprache deutet. Dadurch können sie die Stimmung von Patienten weitaus besser erkennen als jeder Mediziner oder Psychologe. Außerdem lügen Tiere praktisch nie und geben Emotionen direkt zurück. Das sei, so Gatterer, bei unserer heutigen, äußerst komplexen zwischenmenschlichen Kommunikation für fast alle Menschen hilfreich, befriedigend und Vertrauen bildend.

Schon durch ihre bloße Anwesenheit wirken Tiere auf uns Menschen. "In der Geriatrie sehen wir, dass etwa ein großes Aquarium einen starken therapeutischen Faktor darstellt", erklärt Gatterer. Es gäbe Interaktionsmuster mit der Umwelt, also mit Tieren und der Pflanzenwelt, die Menschen quasi in ihrem Erbgut mit sich tragen und die der seelischen und körperlichen Gesundheit zuliebe zur Anwendung kommen sollten.

Wie wichtig sie sind, erkennt man oft erst dann, wenn sie vernachlässigt werden oder verschwunden sind. "Gäbe es zum Beispiel keine Wälder mehr, fehlte uns der Entspannungsfaktor Wald. So haben auch Tiere eine sehr wichtige Funktion in unserem Leben. Sie aktivieren uns dazu, uns mit verschiedenen Dingen auseinanderzusetzen. Darauf baut die Tiertherapie auf."

Sie nutzt natürliche Prozesse, nämlich "automatische, biochemische und emotionale Reaktionen, die bei uns abgeschwächt sind oder die wir verloren haben, und die durch das Tier wieder geweckt werden", erklärt er. So hätten die Bewegungen von Fischen in einem Aquarium eine entspannende Wirkung auf die Patienten. Sie erhöhen die Beobachtungsgabe und motivieren Menschen dazu, sich längere Zeit mit etwas zu beschäftigen. Dies steigert die Konzentrationsfähigkeit und fördert die Achtsamkeit.

Tiertherapeuten für ältere und behinderte Menschen

Gerade bei alten Menschen fördern tiertherapeutische Methoden die Akzeptanz von physiotherapeutischen Übungen. "Diese Menschen können das Wort Therapie oft gar nicht mehr hören, weil es für sie immer nur mit Anstrengung und Schmerzen zu tun hat", sagt Tiertherapeutin Widder. Doch wenn sie spielerisch einen Hund unter ihren Beinen durchführen sollen, strecken sie diese mit Freude in die Höhe. "So führen sie grobmotorische Bewegungen durch, ohne dass sie als solche bewertet werden."

Auch zur Motivation von Menschen mit einer geistigen Behinderung können Tiere eingesetzt werden. "Bewegungsübungen als therapeutische Maßnahmen klappen besser, wenn die Reaktion eines Tieres als positiver emotionaler Verstärker empfunden wird", erklärt der Psychotherapeut Gerald Gatterer. Sogar die Vorbeugung von Krankheiten funktioniere mit Tieren besser. Sie in Kindergärten und Schulen zu schleppen und auf eine positive Wirkung zu warten, sei aber zu wenig: "Man sollte die Tiere als Ergänzung einsetzen, um mit den Kindern gezielt bestimmte soziale Fähigkeiten zu trainieren, etwa Empathie, Anteilnahme und die Unterstützung anderer."

Freilich sei die Tiertherapie kein Selbstläufer: "Es wäre falsch zu sagen, ich habe niemanden, der sich um diesen alten Menschen oder das Kind kümmert, und deswegen schenke ich ihm einen Hund." In solchen Situationen brauche es ausgebildete Menschen und Tiere, um eine Therapie bei Menschen erfolgreich durchführen zu können.

Ausbildung zum Therapiehund und Einsatz im Gefängnis

Für jene, die Therapiehunde führen wollen, gibt es einen "Diplomlehrgang zur geprüften Fachkraft für tiergestützte Therapie und tiergestützte Maßnahmen", den etwa der Verein "Tiere als Therapie" an der Veterinärmedizinischen Universität Wien anbietet. Dort wird man von Medizinern und Pädagogen geschult. Ziel ist der "professionelle Einsatz von Tieren bei der Unterstützung von Menschen aller Altersgruppen, zum Beispiel in Krankenhäusern, geriatrischen Zentren, pädagogischen Einrichtungen und Rehabilitationszentren im Sinne der Gesundheitsförderung sowie präventiver und rehabilitativer Maßnahmen".

Der Kurs kann allein oder mit einem Hund besucht werden, der dabei zum geprüften Therapiehund ausgebildet wird. Dafür sind Hunde jeder Rasse geeignet, inklusive sogenannter Listenhunde, auch Kampfhunde genannt. "Sie bewähren sich in der Therapie genau wie alle anderen, die eine gute Sozialisation erfahren haben", erklärt Widder.

"Künftige Therapiehunde sollten von klein auf sehr viele positive Kontakte mit Menschen haben, damit sie verinnerlichen: Menschen sind super, ich bin gern mit ihnen zusammen." Die Tiere brauchen spezielles Training, um in Pflegeheimen, Kindergärten und anderen Institutionen arbeiten zu können. So kennen Familienhunde in der Regel Menschen nur als Zweibeiner mit bestimmten Bewegungsmustern. Daher zeigt man Therapiehunden, dass Menschen auch humpeln, mit Krücken oder Rollstühlen und Rollatoren unterwegs sind, krabbeln und herumtollen. Dazu kommt die Gewöhnung an Geräusche von scheppernden Essenswagen, an rutschige Krankenhausgänge und automatische Glastüren. Um bei Spaziergängen alte Menschen oder Kinder nicht durch die Gegend zu schleifen, lernen die Hunde entspannt an der lockeren Leine zu gehen. Sie werden also in ihre therapeutischen Aufgaben eingeschult.

Gatterer wünscht sich auch mehr Tiertherapie im Strafvollzug. "Dort sitzen viele Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, die soziale Fähigkeiten nicht adäquat gelernt haben. Unter definierten therapeutischen Bedingungen können sie dies mit einem Tier lernen." Auch bei alten Menschen sieht er weiteren Bedarf: "Hier gibt es tiergestützte Maßnahmen, die es ihnen ermöglichen zu kuscheln, Nähe und Wärme zu spüren, also etwas, das im Alter verloren geht, vor allem, wenn man nicht mehr so attraktiv aussieht, krank ist, womöglich auch an Demenz leidet."

Hygieneprobleme bereiten Hunde oder andere Tiere im Krankenhaus keine, meint Gatterer: "Sie sollten natürlich wie das menschliche Personal auf Keime untersucht werden. Dann sind sie, wie Studien zeigen, kein Risikofaktor."

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