WAS AM ENDE BLEIBT

Baum, blattlos

ERICH KLEIN
vom 03.06.2020

Bertolt Brechts im dänischen Exil entstandenes und 1939 veröffentlichtes Gedicht An die Nachgeborenen verwirft das vielleicht bedeutendste Symbol der Menschen: "Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!"

Nicht nur die Ausflucht in Naturbetrachtung jenseits der Nazi- Barbarei wurde untersagt, das Verdikt war so effektvoll, weil der Dichter mit ans Understatement grenzender Nüchternheit einen Mythos ans Ende brachte. Germanengott Odin war am Weltenbaum geritten, Dionysos war der personifizierte Baumgott. Dass partout ein Apfelbaum das Böse in die Welt gebracht haben soll, mochte vom fehlerhaften Wortspiel der Paradiesgeschichte herrühren: "mālum, der Apfel; malum, das Böse.

Aber nicht einmal die Verwirrung über die Anzahl von Bäumen im zentralen Mythos der westlichen Kultur -Baum des Lebens, Baum der Erkenntnis, Baum des Todes -vermochte die Bedeutung des Symbols außer Kraft zu setzen. Ganz im Gegenteil! Von Shakespeares Hexen, die an Eiben herumfummelten, und dem romantisch besungenen Lindenbaum, über den sich schon Schatten der Industrialisierung legten, bis zur Abholzung von Tschechows Kirschgarten blieb ein Metaphernreigen in Kraft, der dem Baum seinen Platz nie streitig machte.

Alwin Seifert, nationalsozialistischer "Reichslandschaftswart" und bis heute Öko-Papst aller Freunde des Kompostierens, erklärte: "Eine Straße muss Bäume haben, wenn anders sie eine deutsche Straße sein soll. Denn zu allem, was dem deutschen Wesen nah steht, gehört Baum und Busch." Und die Sowjets wussten: Gut ist der Baum nur im Sozialismus. Der Titel von Leonid Leonows Roman Der russische Wald war ebenso programmatisch stalinistisch wie das Oratorium Lied von den Wäldern von Dmitrij Schostakowitsch. Wider sein eigenes Verdikt griff sogar Brecht das Symbol Baum in einer Art Requiem auf die Metapher noch einmal auf: "Als Lenin starb, / War es, als sagte der Baum zu den Blättern: Ich gehe." Erst Paul Celan setzte dem Bilderreigen in einer gesteigerten Volte 1968 ein endgültiges Ende: "Blatt baumlos / für Bertolt Brecht: Was sind das für Zeiten, / wo ein Gespräch /beinah ein Verbrechen ist, / weil es so viel Gesagtes /mit einschließt."

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