BRIEF AUS BRÜSSEL

Brüssel geht

EMILY WALTON
vom 03.06.2020

Es gibt eine Reihe an Erfahrungen, die viele Menschen machen, wenn sie sich eine Zeitlang in Brüssel aufhalten: Belgische Pralinen schmecken noch besser, wenn man sie in einem der vielen Pralinengeschäfte selbst aussuchen und dann auch noch bei einem gemütlichen Spaziergang durch Brüssel genießen kann; belgisches Bier ist köstlich, allerdings sind vor allem die stärkeren Kaliber gewöhnungsbedürftig und nichts zum Durstlöschen und Runterschütten; und die Autofahrer in der Stadt sind, ganz allgemein gesprochen, eine Gefahr, vor allem für jene, die per Pedes oder Pedal unterwegs sind. Wer's nicht glaubt, möge sich bei einem - vorsichtigen! - Spaziergang anhand der vielen eingedellten Autos am Parkstreifen selbst überzeugen, wenn er sich traut. Vorrangregeln und Zebrastreifen stehen gemeinhin im Rang gut gemeinter Empfehlungen, nach denen man sich richten kann - oder auch nicht.

Umso überraschender erscheint da, jedenfalls auf den ersten Blick, eine Auswirkung der Conorapandemie in der belgischen Hauptstadt: Brüssel soll fußgänger-und radfahrerfreundlicher werden. Mit dem Virus zu tun hat das, abgesehen davon, dass auch in Brüssel in Zeiten von Homeoffice, Homeschooling & Co. weniger Autos unterwegs sind, zunächst in erster Linie durch Abstandsregeln: Es soll ausreichend Platz sein, damit Fußgänger nebeneinander gehen und zumindest zwei Fahrradfahrer nebeneinander radeln können, heißt es aus der Stadtführung.

Im inneren Ring Brüssels sollen künftig Radler und Fußgänger Vorrang haben und Straßen komplett nutzen können. Gleichzeitig sollen Autos, Busse und Straßenbahnen nur noch mit maximal zwanzig Stundenkilometern unterwegs sein dürfen. Geplant ist auch, dass die Hauptstadt vierzig Kilometer neue Radwege erhält, auch das vom Virus vorangetrieben. Man möchte die Menschen dazu anhalten, weniger Autos und öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, wenn in ein paar Monaten wieder deutlich mehr unterwegs sein werden.

Im Sommer soll die verkehrsberuhigte Zone in der Innenstadt evaluiert werden. Eine langfristige Maßnahme wurde schon beschlossen: Ab 1. Jänner 2021 soll in ganz Brüssel Tempo dreißig gelten. Klingt gut. Wie lange es dauern wird, bis sich die Autofahrer daran halten, ist freilich eine andere Frage. Vorerst sind Pralinen als Nervennahrung für Fußgänger jedenfalls noch zu rechtfertigen.

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