GEDICHT

JEAN CAYROL: SCHATTENALARM (1944_1945)

vom 03.06.2020

Aus: Jean Cayrol: Schattenalarm (1944-1945). Mit dem Essay Lazarenische Träume, herausgegeben und übersetzt von Ulrike Julika Betz, Schriftenreihe der KZ-Gedenkstätte Mauthausen Band 3, new academic press, Wien 2019

Es rennt, es rennt, das Morgenrot durch die verschwiegenen Augen der Toten Schwärme von Bienen schwirren hungrig an nackten Bäumen und aus vergangenen Welten steigen Götter aus Schäumen.

Es rennt, es rennt, das Morgenrot durch die verschwiegenen Augen der Toten.

Lachen eines Kindes, das den Sturm bewacht. Der Himmel ist dein Brot, meine Kinder, schlafet sacht. Lauschet dem Winde, uns antwortet das Gras.

Es rennt, es rennt, das Morgenrot durch die verschwiegenen Augen der Toten.

Das Morgenrot leckt wie eine mächtige Zunge über bläuliche Lippen, die dem Schweigen entfliehen. Fasst mich bei der Hand, wollt ihr, dass ich tanze?

Es rennt, es rennt, das Morgenrot das erwachte und mich zu sich holt.

Die Welt ist so alt auf jedem Gesicht. Es rennt, es rennt, das Morgenrot.

AUS: JEAN CAYROL: SCHATTENALARM (1944_1945)

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