Kinder, was seid ihr für Affen?

Forscher vergleichen die Kooperation bei Schimpansen, Orang-Utans und Vorschulkindern

TEXT: SOPHIE HANAK
vom 03.06.2020

Biologisch gesehen ist der Mensch ein Trockennasenaffe. Er gehört zu den Menschenaffen, hat alle Kontinente der Erde besiedelt und zählt zurzeit fast acht Milliarden Individuen. Die übrigen Vertreter der Menschenaffen, Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos sind vom Aussterben bedroht. Der Grund dafür ist vor allem die Einschränkung ihres Lebensraums durch uns Menschen.

Kooperation als Basis für menschliches Zusammenleben

Vor hunderttausend Jahren lebten auf der Erde möglicherweise sechs verschiedene Menschenarten nebeneinander, doch Homo sapiens hat nach und nach alle anderen Arten verdrängt. Entscheidend für den "Erfolg" war das Leben in großen Gruppen, eine gute Vernetzung untereinander, eine gewisse Arbeitsteilung und die Weitergabe des Wissens an die Nachkommen. Eine Verhaltensweise, die für all das besonders wichtig ist, ist die Kooperation.

"Es wird davon ausgegangen, dass Kooperation in der Evolution des Menschen ganz entscheidend war, noch bevor sich die Sprache entwickelt hat", sagt Christoph Völter von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Vor einem Jahr ist der Primatenforscher aus Schottland nach Österreich gekommen. "In unserer Forschung möchten wir herausfinden, inwiefern sich Kooperation bei uns Menschen und anderen Menschenaffen wie den Schimpansen unterscheidet."

Ist das Verhalten unter Schimpansen etwas Besonderes?

Kürzlich war Völter in Uganda auf Ngamba Island, einer Insel im Viktoriasee. Das Ngamba Island Chimpanzee Sanctuary beherbergt fünfzig verwaiste und gerettete Schimpansen in einer nahezu wilden Umgebung. Dort können sie sich relativ frei bewegen und von den Forschern beobachtet werden. Schimpansen sind gemeinsam mit den Bonobos unsere nächsten Verwandten, leben in komplexen Strukturen und werden oft als Modell für die Evolution der menschlichen Kooperation betrachtet. "Deshalb wollten wir herausfinden, inwieweit das Verhalten der Schimpansen etwas Besonderes ist", erläutert Völter. Schimpansen jagen gruppenweise in freier Wildbahn, was nur durch eine gut funktionierende Kooperation möglich ist. "Für uns war es wichtig zu verstehen, inwieweit die Affen die Perspektive des Jagdpartners berücksichtigen und ob sie mit dem Kooperationspartner kommunizieren", erklärt Völter.

In den letzten zwanzig Jahren gab es einige Kooperationsstudien mit Schimpansen und Bonobos im Vergleich zu Kindern. Im Unterschied zu den Affen können sich Menschenkinder mittels der Sprache koordinieren. Wo das nicht möglich ist, setzen sie Gesten und können so Probleme lösen.

Um die Kooperation bei Affen zu untersuchen, stellten die Forschen jeweils zwei Schimpansen, die sich in angrenzenden Räumen befanden, vor folgende Aufgabe: Schimpanse A kann ein Werkzeug verwenden, um ein Futterstück aus einer Apparatur herauszuholen. Dabei verliert er allerdings den Zugriff zum Werkzeug. Alternativ kann Schimpanse A das Werkzeug an Schimpanse B weitergeben. Schimpanse B hat dann wiederum die Wahl, das Werkzeug bei einer von zwei Apparaturen zu verwenden. Eine dieser Apparaturen enthält nur Futter für Schimpanse B, die zweite Apparatur für beide. Einmal steckt in der kooperativen Variante das bessere Futter, beispielsweise eine Weintraube. Dann wieder enthalten beide Varianten das gleiche Futter. Somit gibt es die Möglichkeit sich allein eine Belohnung zu holen oder zu kooperieren.

Worin sich Orang-Utans von Schimpansen unterscheiden

Auch mit Orang-Utans wurden Experimente durchgeführt. Ebenfalls zur Familie der Menschenaffen gehörig und nahe mit uns verwandt, haben sie dennoch eine andere Sozialstruktur. "Unser Ziel war herauszufinden, ob Orang-Utans auch so gut kooperieren wie Schimpansen", sagt Völter. "Beide Affenarten kooperierten ähnlich oft. Und beide Arten handelten in erster Linie eigennützig. Sie entschieden sich meist für die Variante, die das bessere Futter enthielt." Affen kooperieren also vor allem dann, wenn es ihnen persönlich etwas bringt.

Die Wissenschafter beobachteten aber auch, dass die Tiere nicht nur ihre eigene Belohnung in ihre Entscheidung einschließen, sondern auch jene des Kooperationspartners. Sie gaben das Werkzeug häufiger weiter, wenn der Partner einen Anreiz hatte, ebenfalls zu kooperieren. Der Unterschied zwischen Schimpansen und Orang-Utans: "Wir sahen bei den Schimpansen, dass Kommunikation die Zusammenarbeit initiieren kann. Die Schimpansen bekamen das Werkzeug öfter, wenn sie mit dem Partner in Form von Gesten und anderen aufmerksamkeitserregenden Verhaltensweisen kommunizierten. Bei Orang-Utans sahen wir dafür keine Hinweise. Ob sie das Werkzeug vom Partner bekamen oder nicht, hatte nichts damit zu tun, ob sie darum baten", erklärt Völter.

Dies zeige, dass bei jener Art, die eine komplexere Sozialstruktur hat und mit dem Menschen näher verwandt ist, die Kommunikation eine größere Rolle spielt. "Das ist sehr spannend. Auch bei unseren Vorfahren spielte die Kooperation während der Großwildjagd vermutlich eine große Rolle. Um zu überleben, war es nötig, sich abzusprechen und die Rollen aufzuteilen."

Die Versuche mit den Kindern laufen derzeit noch. Die Kinder sind vier bis fünf Jahre alt und bekommen dieselben Aufgaben wie die Schimpansen und Orang-Utans. Vorangegangene Studien anderer Forscherteams zeigen, dass Kinder häufiger kommunizieren und sich Strategien überlegen. "Eine Möglichkeit war, dass die Kinder untereinander vereinbarten' in der einen Runde bekommst du mehr, in der nächsten ich. Auf diese Weise gleicht die Kommunikation Ungleichheit aus", erläutert Völter.

Die Kooperationsstudien scheinen darauf hinzuweisen, dass Schimpansen wie Orang-Utans in puncto Kommunikation einen Nachteil gegenüber den Kindern haben. Was die Affen aber womöglich besser können als fünfjährige Kinder, betrifft die Merkfähigkeit.

"Schimpansen haben ein sehr gutes Arbeitsgedächtnis, sie merken sich eine Vielzahl von Informationen über kurze Zeiträume, selbst wenn man sie zwischendurch ablenkt", so Völter. "Wenn Schimpansen in einem Experiment verschiedenförmige Dosen mit Futter angeboten werden, können sich die Tiere sehr gut merken, in welchen Boxen sie schon gesucht haben, auch wenn die Dosen zwischendurch verdeckt durchgemischt worden sind."

Die Affen versuchen auch, sich gegenseitig hinters Licht zu führen

Die Forscherin Jane Goodall hat gesagt: "Schimpansen haben uns mehr als jedes andere lebende Wesen dabei geholfen zu verstehen, dass es zwischen Menschen und Tierreich keine scharfe Grenze gibt. Diese Grenze ist undeutlich und sie wird immer nur undeutlicher."

Auch der Verhaltensforscher Christoph Völter empfindet die Arbeit mit Schimpansen und Orang-Utans als besonders faszinierend. "Wenn man Schimpansen oder Orang-Utans in die Augen schaut, ist es leicht, mit ihnen eine Verbindung herzustellen. Es ist ein bestimmtes, schwierig zu beschreibendes Gefühl." Trotzdem müssen Forscher eine wissenschaftliche Distanz wahren.

"Beeindruckend finde ich Beobachtungen aus der Wildnis, die zeigen, wie die Tiere miteinander interagieren und zum Teil auch versuchen, sich gegenseitig hinters Licht zu führen. Die kognitiven Fähigkeiten, die solchen komplexen Verhaltensweisen möglicherweise zugrunde liegen, können wir in unseren Verhaltensstudien testen."

Die vergleichenden Untersuchungen an unseren nächsten Verwandten im Tierreich können Hinweise darauf liefern, wie sich bestimmte Verhaltensweisen entwickelt haben. Die Kooperation unter Menschen ist außergewöhnlich und entscheidend für den Erfolg menschlicher Gesellschaften.

Dieser Vorteil wird derzeit durch das Coronavirus auf die Probe gestellt, denn um sich vor dem Virus zu schützen, ist die Distanz zu anderen Menschen nötig. So müssen wir, hoffentlich nur kurzzeitig, versuchen, neue Wege der Kooperation finden.

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