Mörderische Samtpfoten

Katzen gehören zu den effektivsten Jägern auf der Erde -für viele andere Tiere wird es eng

TEXT: BRUNO JASCHKE
vom 03.06.2020

Katzenhalter werden manchmal Zeuge eines grausamen Spiels: Ihre süßen "Samtpfoten" fahren die Krallen aus, um ein anderes Tier zu fangen und es nach quälend langer Misshandlung zu töten. Das Verhalten lässt sich irgendwie rationalisieren, wenn die Beute ein als Schädling eingestuftes Tier ist, etwa eine Maus oder eine Ratte. Herzzerreißend wird es, wenn es sich um ein Geschöpf wie einen Vogel, eine Blindschleiche, eine Fledermaus oder einen kleinen Hasen handelt.

Mit dieser Realität muss sich jeder Katzenfreund auseinandersetzen: Die Stubentiger sind durch und durch Raubtiere. Hauskatzen erlegen, wie mehrere Studien belegen, in ihrem meist sehr kleinen Aktionsradius genauso viele, wenn nicht mehr Beutetiere als Karnivoren in der Wildnis.

Katzen sind überall, auch in der Antarktis

Hauskatzen begleiten den Menschen, seitdem sie vor 4.000 Jahren in Ägypten domestiziert wurden. Sie leben in Haushalten mit oder ohne Freigang, während wilde Katzen unabhängig von Menschen unterschiedlichste Habitate bewohnen. Eine Mischform aus beiden sind Streunerkatzen, meist ausgesetzte oder entlaufene Tiere, die sich zumindest teilweise von Abfall oder Futtergaben der Menschen ernähren.

Wild-und Streunerkatzen leben auf allen Erdteilen außer der Antarktis. Hauskatzen bevölkern alle Kontinente, auch die Antarktis, wo einige von ihnen Wissenschaftern den Forschungsalltag auf den Stationen etwas aufhellen. Katzen ernähren sich vielseitig, können sich an unterschiedliche Lebensräume anpassen, halten viel aus, brauchen nicht viel Wasser und vermehren sich stark. Sie gehören zu den geschicktesten und widerstandsfähigsten Jägern auf dem Planeten.

Die Zahl der Hauskatzen wird weltweit auf über 600 Millionen geschätzt. Inklusive ihrer wildlebenden Artverwandten dürfte ihre Anzahl deutlich über einer Milliarde liegen. Sie töten jährlich viele Milliarden Vögel, Reptilien, Amphibien, kleine Säugetiere und Insekten. Wie viele genau, ist noch nicht annähernd erhoben.

Eine von der Zoological Society of London in der Zeitschrift Animal Conservation publizierte Studie lässt die Größenordnung erahnen: Nach Angaben von Katzenbesitzern in Australien, Neuseeland, Großbritannien und den USA bringen ihre Haustiere pro Jahr im Schnitt zweiundvierzig getötete Beutetiere nach Hause. Auf bis das Doppelte wird die jährliche Anzahl der Opfer geschätzt, die die Katze nicht nach Hause bringt.

In Australien sind, laut einer im Wildlife Research Journal veröffentlichten Studie des staatlichen Threatened Species Recovery Hub, 71 Prozent der Hauskatzen Freigänger, insgesamt 2,7 von 3,9 Millionen.

Eine einzelne Katze töte im Schnitt 110 Tiere jährlich: vierzig Reptilien, 38 Vögel und 32 Säugetiere, insgesamt 297 Millionen Tiere. Am dramatischsten sei das Problem in städtischen Gebieten, wo sich vierzig bis siebzig Katzen auf einem Quadratkilometer herumtreiben. Es gebe viele belegte Fälle, bei denen eine einzige Katze für den Rückgang ganzer Arten in ihrem Umfeld verantwortlich ist.

Seit sie mit den ersten Siedlern Ende des 18. Jahrhunderts auf den fünften Kontinent gekommen sind, sollen Katzen nach Angaben des australischen Umweltministeriums zur Ausrottung von siebenundzwanzig einheimischen Arten beigetragen haben und, mehr als der Klimawandel, 124 weitere akut gefährden. Das hat die Regierung 2015 veranlasst, unter wenig öffentlichem Widerstand die Tötung von zwei Millionen der auf bis zu 6,3 Millionen geschätzten, verwilderten Katzen zu erlauben. 2016 sind etwas über 200.000 wilde Katzen in Australien getötet worden. 2019/20 haben die verheerenden Buschbrände die Artenschutzpläne zu Makulatur gemacht. Und die Katzen profitieren davon: Sie ziehen gezielt weite Strecken in die abgebrannten Gebiete, um dort ihre von Stress und Nahrungsknappheit geschwächte Beute zu jagen.

Amerikanische Katzen töten Milliarden Säugetiere

Das US Fish and Wildlife Service (FWS) macht Katzen für die Ausrottung von weltweit 33 Arten mitverantwortlich. 2,4 Milliarden Vögel jährlich sollen in den USA den Räubern zum Opfer fallen. Eine ältere Erhebung für die Zeitschrift Nature Communications aus dem Jahr 2013 kam zum Ergebnis, dass Katzen in den USA im Jahr zwischen 1,4 und 3,7 Milliarden Vögel und bis zu zwanzig Milliarden Säugetiere erlegen. Freilich sind solche Zahlen ähnlich problematisch wie die Todesstatistiken in der Coronakrise. Gábor Wichmann, Geschäftsführer der Vogelschutzorganisation BirdLife Österreich und Vorstand von Blühendes Österreich, erläutert: "Es bleibt die Frage: Ist der Effekt kompensatorisch, da siebzig Prozent der Vögel sowieso im ersten Jahr sterben, oder ist er additiv?"

Neben Vögeln sind in Österreich Fledermäuse, Reptilien und Amphibien besonders durch Katzen gefährdet: im ländlichen Siedlungsraum, im suburbanen Bereich und in städtischen Randlagen, also überall dort, wo sich Katzen Freigangmöglichkeiten bieten. Allerdings geht niemand so weit, Katzen als den alleinigen Feind gefährdeter Arten zu bezeichnen.

Am Anfang allen Übels steht die Zerstörung ihrer Lebensräume. Die Landwirtschaft tut das Ihre dazu und die Katze gibt ihnen dann gewissermaßen den Rest. Dramatisch wirkt sich das gegenwärtig bei Reptilien aus: "Dem Druck durch Baumaßnahmen und neue Siedlungen haben Blindschleichen, Eidechsen, Nattern noch standgehalten, aber der Katze nicht", erklärt der Zoologe Franz Weihmann vom Naturschutzbund Steiermark. "Wenn fünf Eidechsen von Katzen gefangen werden, fällt das wegen ihrer schon sehr geringen Population ins Gewicht."

Wie bekommt man den Stubentiger katzengerecht in den Griff?

Auch an der Dezimierung der Fledermäuse haben Katzen maßgeblichen Anteil. Sie lauern ihnen in der Dämmerung auf, wenn die Fledermäuse aktiv werden. "Wenn ich Anrufe wegen verletzter Findlinge bekomme, handelt es sich fast immer um Katzenopfer. Oft tritt der Tod erst nach ein paar Tagen ein. Es ist extrem schwierig, eine Fledermaus, die in die Fänge einer Katze geraten ist, durchzubringen", erzählt der Grazer Biologe und Zoologe Oliver Gebhardt.

Das Drama der nützlichen Insektenvertilger beginnt aber damit, dass ihr Nahrungsangebot schwindet, sie niemand mehr auf dem Dachboden will, neue Häuser undurchdringlich dicht gebaut sind und ihre Flugrouten etwa durch Windräder durchkreuzt werden. "Blumenwiesen und artenreiche Hecken anlegen", empfiehlt Gebhardt zur Sicherung der Fledermausbestände. "Und die Katze jeweils eine Stunde vor und nach Sonnenuntergang nicht hinauslassen."

Unter den heimischen Vogelarten sind die Bestände von Girlitz und Hänfling kritisch geworden. Weil sie sich menschlichen Siedlungen immer mehr annähern mussten, wurden Katzen zur Gefahr. "Ist der Lebensraum knapp, können sich räuberische Aktivitäten sehr negativ auswirken", erklärt Gábor Wichmann von BirdLife, der für die Wiederherstellung intakter Biosphären den Dialog mit der Landwirtschaft sucht.

Etliche Vorschläge zum Schutz gefährdeter Arten finden auch die Zustimmung von Katzenschutzorganisationen. "Ich glaube, die effektivste Hilfe für gefährdete Arten ist, für Lebensraum und Nahrung zu sorgen", meint Sabrina Danklmayer, Juniorchefin des Vereins Pfötchenhilfe, dessen Hauptanliegen die Kastration und Populationskontrolle von Katzen ist. "Jeder kann in seinem Garten einige Quadratmeter verwildern lassen, statt einen Rasen zu kultivieren, in dem kein Leben herrscht." Sie selbst gewährt ihren Katzen keinen ungesicherten Freigang.

"Wir raten von Halsbändern mit Glöckchen ab, diese schädigen das Gehör. Auch sind Halsbänder für Katzen oft tödliche Fallen. Sie bleiben hängen, strangulieren sich oder scheuern sich wund. Vogelhäuschen kann man weit oben aufhängen im feinen Geäst. Man kann für freie Flächen rund um die Futterstelle sorgen, um den Katzen keine Möglichkeit zu geben, sich versteckt anzuschleichen. Wir Menschen können durch die Gartengestaltung dafür sorgen, dass die von Katzen bedrohten Tiere kräftige Junge hervorbringen."

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