HORT DER WISSENSCHAFT

Pandemie mit Borstenvieh

MARTIN HAIDINGER
vom 03.06.2020

Nach vielen Wochen im trauten Heim lassen auffallend viele, vor allem männliche Zeitgenossen, nicht nur eine veränderte Wahrnehmung von Angelegenheiten der Mode, des Alkoholismus und der Hygiene (ungeduscht, Dosenbier, Trainingshose ) erkennen, sondern haben auch eine neue Beziehung zum Tierreich entwickelt. Zwei Grundmodelle samt der mit ihnen verbundenen Fragen sind entstanden: Machen nun mangels Raumpflegekräften aus den Nachbarländern die Staubmilben, Silberfischchen und Kleidermotten das Rennen in den Wohnungen, oder hat die verordnete Häuslichkeit den Putzfimmel der Bewohner eskalieren lassen und aller Kleinfauna den Garaus gemacht?

Ich bekenne, mich zum Mischtyp entwickelt zu haben: lavendelduftend, Flaschenbier, gewaschene Jeans, Mottenkugeln, mäßiges Staubwischen an neuralgischen Stellen. "So kriegen wir das hin!", wie es in ZiB-Moderationen so brav wie telegen wiederholt wurde.

Tiere tummeln sich auch in meiner Freizeitlektüre. Etwa Napoleon und Schneeball, die Oberschweine aus George Orwells "Animal Farm", das vor 75 Jahren erschienen ist. Darin errichtet das Borstenvieh eine stalinistische Terrorherrschaft über seine Mitviecher. Ein heikler Vergleich: Welcher linke Mainstreamintellektuelle wollte denn die führende Kaste seines geliebten Realsozialismus als Schweinebande darstellen lassen? Der unkonventionelle Linke Orwell war und ist ein literarischer Held der Freiheit und des Widerstands gegen politische Diktatur und ideologischen Totalitarismus.

Hin und wieder klappte ich das Buch zu und sah fern. In heimischen und deutschen TV-Sendern traten Minister auf, die sich darauf freuten, dass wir nach dem gruseligen Coronazustand dann "die Klimakrise mit einer ähnlichen politischen Konsequenz angehen". Also offenbar mit dem weiteren Abbau der liberalen Demokratie und der bürgerlichen Freiheit. Ich sah beamtete Oberjournalisten, welche alle jene, die Demokratie vulgo "Normalität" als Ziel vor Augen haben, als "Spinner" und "Wirrköpfe" beschimpften und sich dabei auf große Denker wie Robert de Niro und Madonna beriefen. Und ich sah jede Menge Figuren, die uns freudestrahlend eine schöne neue Welt ohne Bewegungsfreiheit und "Kapitalismus"(gemeint ist dabei immer die freie Marktwirtschaft) in Aussicht stellten. Sinnend warf ich eine Mottenkugel nach einem dahinhuschenden Silberfischchen, wirbelte indes nur Staub auf ohne es zu treffen, und kehrte wieder zu Orwells Schweinen zurück. Auf dem Papier sind sie mir lieber.

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