WISSENSCHAFTLICHE BÜCHER AUS ÖSTERREICH

EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN
vom 03.06.2020

Der Fall der achtzehnjährigen Prostituierten Marie Veith, der "Komteß Mizzi"

Walter Schübler, Wiens bester Biograf, wechselt nach Büchern über Nestroy, Bürger, Merck und Anton Kuh (plus Werkausgabe) das Genre: der Fall der achtzehnjährigen Prostituierten Marie Veith, genannt "Komteß Mizzi", wird aus dem Gerichtsakt als Chronik rekonstruiert. In Anbetracht dieses Sittenbildes aus 1908 mit einem Vater als Zuhälter, der sich um eine "gute Partie" für seine Tochter bemühte, und der zweihundert Männer umfassende Kundenliste darf bezweifelt werden, dass Wien überhaupt je nur den Titel einer Versuchsstation für den Weltuntergang verdiente!

Walter Schübler, Komteß Mizzi, Wallstein Verlag, Göttingen 2020,256 S.

Texte und Vorträge Harnoncourts zu Musik und Gesellschaft

Nikolaus Harnoncourts (1929-2016) Gelegenheitstexte aus sechzig Jahren sind frappierend einfach und tiefsinnig. Da wird unkapriziös über Gesellschaft und Musik nachgedacht; mehrfach geht es um Mozart, gelegentlich konstatiert der Maestro eine "Endzeit unserer Kultur". Harnoncourts Vorträge oder Festreden haben nur einen Nachteil - kein Nachahmer würde je an dessen Lebendigkeit herankommen. Denn: "Wer die Kunst als wichtigste Lebensquelle erkannt hat, den nimmt sie in Besitz, mit Fleisch und Blut, von Kopf bis Fuß - ganz."

Nikolaus Harnoncourt, Alice Harnoncourt (Hg): Über Musik, Residenz Verlag, Wien 2020,140 S.

Französische Gedichte im Konzentrationslager Gusen

Jean Cayrol (1910-2005), französischer Schriftsteller und Resistance-Mitglied, wurde nach Hitlers "Nacht-und-Nebel-Erlass" 1942 verhaftet und nach Mauthausen-Gusen deportiert. Gedichte des katholischen Autors figurierten, von Paul Celan übertragen, in Alain Resnais früher KZ-Doku "Nacht und Nebel" als Begleittext. In den 1960er Jahren wurde der Vorläufer des Nouveau Roman auch ins Deutsche übersetzt, seine während der Haft in Gusen entstandenen "Zeugnisse eines spirituellen Überlebenskampfes" wurden spät, aber doch, auch in Österreich beachtet.

Jean Cayrol, Schattenalarm (1944-1945), new academic press, Wien 2019,120 S.

Gefahren und Chancen für unsere Natur: die Demokratie

Ein essayistischer Parforceritt des Verhaltensforschers durch seine Disziplin, in dem gefragt wird: Welche sind die evolutionären Grundlagen menschlichen Verhaltens? Welcher Handlungsspielraum bleibt uns in Klimakrise und Artensterben? Auf Basis seiner Erkenntnisse zur menschlichen Natur ist sich Kurt Kotrschal sicher: "Die liberale Demokratie scheint die einzige Chance zu sein, individuelle Egoismen zum Wohl der Mehrheit umzuleiten. Auf die Gemeinwohlorientierung von Gnaden nicht demokratisch legitimierter Herrscher zu hoffen, war immer schon naiv."

Kurt Kotrschal, Sind wir Menschen noch zu retten? Gefahren und Chancen unserer Natur, Residenz, Wien 2020,192 S.

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