Wo PISA erfunden wurde

Der ehemalige Präsident des CERI über die Bildungsforschung der OECD

TEXT: KARL HEINZ GRUBER
vom 03.06.2020

Dass ich als relativ junger Professor aus einem relativ kleinen Mitgliedsland der OECD zum Vorsitzenden des wichtigsten und mächtigsten internationalen Gremiums für Bildungsforschung und Schulentwicklung ernannt wurde, kam eher überraschend. Tatsächlich spielten bei meiner Bestellung 1993 zum Chairman des Governing Board des Center for Educational Research and Innovation (CERI) der OECD in Paris auch Glück und Zufall eine Rolle.

Ende der 1970er Jahre kehrte ich von Oxford nach Wien zurück und habilitierte mich im Bereich der international vergleichenden Bildungsforschung. Damals gab es am Institut einen "Großprofessor", der nicht nur an der Universität rücksichtslos Assistenten, Räume und Ressourcen requirierte.

Als Freund einflussreicher Politiker sammelte er auch interessante, außeruniversitäre Positionen, darunter die des österreichischen Delegierten zum CERI. Die vorrangige Arbeitssprache der OECD ist Englisch. Dieses beherrschte der Herr Professor leider nur unzureichend, von Französisch ganz zu schweigen. Was immer er in Paris machte, jedenfalls kehrte er immer mit Konvoluten englischsprachiger Materialien zurück. Das Bildungsministerium erwartete von ihm deutschsprachige Resümees der Sitzungen und Arbeitspapiere. Für dieses Dilemma fand er eine clevere Lösung:

Als vergleichender Erziehungswissenschafter musste ich, der Dozent, doch Interesse an diesen unveröffentlichten Materialien haben. Hatte ich. Und so fuhr er jahrelang nach Paris, während ich in Wien die von ihm mitgebrachten Papers studierte und für das Ministerium zusammenfasste. Diese "Arbeitsteilung" verschaffte mir Einblicke in das Powerplay der internationalen Bildungsforschung. Schließlich wurde mir, inzwischen ordentlicher Professor, vom Bildungsministerium die Stelle des österreichischen Delegierten zum CERI angeboten, die ich natürlich gerne annahm.

Seit seiner Gründung 1968 ist das CERI der einflussreichste Thinktank der westlichen Demokratien in Fragen der Bildungspolitik und des institutionalisierten Lernens von der Vorschule bis zur Hochschule. Eines seiner Projekte wurde zum weltweit beachteten "Flaggschiff" der OECD-Bildungsaktivitäten: PISA, das Programme for International Student Assessment, der internationale Schulleistungsvergleich von 15-und 16-Jährigen in Muttersprache, Mathematik und Naturwissenschaften.

Nicht so bekannt, aber nicht weniger bedeutsam sind die "Reviews" der OECD. Dabei evaluieren multinationale Expertenteams den bildungspolitischen Status quo eines Landes oder die Funktionstüchtigkeit eines Teilsystems des Bildungswesens, etwa die Lehrerbildung, den Vorschulbereich oder den Tertiären Bildungssektor. Diese Prüfungsberichte können zwar sehr kritisch ausfallen, aber die OECD ist nach ihrem institutionellen Selbstverständnis "a dog which barks but does not bite". Dennoch wirken diese über jeden Verdacht der Parteilichkeit erhabenen Gutachten in vielen Ländern als Auslöser von Reformen und bildungspolitischen Kurskorrekturen. Das CERI nutzt für seine Projekte und Gutachten den riesigen Pool der US-amerikanischen, britischen, skandinavischen und australischen Bildungsforschung.

Die deutschsprachige Erziehungswissenschaft war hingegen bis in die jüngere Vergangenheit bei CERI-Aktivitäten wenig präsent. Mit ihrem mehrheitlich historisch-philosophischen Selbstverständnis tat sie sich lange schwer, die Fixierung auf das reiche Erbe der deutschen Bildungstheorie aufzugeben und sich der Bildungswirklichkeit empirisch zu nähern. PISA hat das grundlegend geändert. Seit einigen Jahren wird das Bildungsdirektorat der OECD sogar von einem Deutschen geleitet.

Die Dominanz des Englischen und die mittransportierten Selbstverständlichkeiten des angloamerikanischen Wissenschaftsbetriebs begünstigen eine pragmatische Herangehensweise. Dennoch war der Vorwurf des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, die OECD sei das "Trojanische Pferd" des US-amerikanischen Neoliberalismus, zumindest im CERI der 1990er Jahre, nicht gerechtfertigt. Vertreter von wohlfahrtsstaatlich-egalitär orientierten Ländern wie Frankreich, Japan oder den skandinavischen traten den angloamerikanischen Initiativen für mehr Markt, Konkurrenz und "Wahlfreiheit" im Bildungswesen ideologiekritisch und mit harten soziologischen Daten entgegen.

Der Governing Board bestand damals aus etwa 25 Mitgliedern; zwei Drittel waren Professoren der Erziehungs-oder Sozialwissenschaften, der Rest hochrangige Ministerialbeamte. Die übliche Funktionsdauer betrug sechs Jahre. Der Vorsitz rotierte im Zweijahresrhythmus zwischen den Kontinenten. Und während meiner Mitgliedschaft im Board war wieder einmal Europa an der Reihe, die Chairperson zu stellen.

Bei der Entscheidung des OECD-Bildungsdirektorats für mich dürften mehrere Umstände zusammengespielt haben. Mein wissenschaftliches Arbeitsfeld war seit zwanzig Jahren die internationale Schulentwicklung. Und durch die frühere Resümiertätigkeit für meinen Wiener Professorenkollegen war ich von Anfang an mit den Herangehensweisen von CERI-Projekten bestens vertraut. Doch keine Bestellung zu einer OECD-Leitungsposition erfolgt ohne die Zustimmung der "big players and big payers" USA, Japan, Frankreich, Großbritannien und Schweden. Und da hatte mich meine akademische Karriere mit ein paar förderlichen "Federln am Hut" ausgestattet: eine Gastprofessur an der Harvard University; ein Senior Visiting Research Fellowship am St. John's College der Universität Oxford; zwei Jahre als "Directeur d'Etudes Associe" am Maison des Sciences de l'Homme in Paris; und seit meiner Dissertation über die schwedische Gesamtschulreform hatte ich immer wieder in Stockholm Feldforschung betrieben.

Die OECD residiert zwar in einem Schloss, dem Chateau de la Muette in Paris, aber das Arbeitsethos des CERI ist "puritanisch" und geprägt von amerikanischer No-nonsense-Pragmatik, französischer Effizienz und britischen Umgangsformen, was meinen Vorstellungen von internationaler wissenschaftlicher Kooperation wie auch meinem persönlichen Stil entsprach.

Apropos persönlich: In die Zeit meines Vorsitzes fiel die Feier des 25-Jahresjubiläums des CERI. Untertags vor dem festlichen Dinner hatte ich als Chairman und Gastgeber für zahlreiche Minister sowie hochrangige Festgäste keine freie Minute. Als ich am Abend hungrig und vor allem durstig im Festsaal ankam, fand ich dort nur Champagner vor, der nicht nur meinen Durst löschte, sondern mich auch erstaunlich rasch in eine fröhlich-lockere Stimmung versetzte.

Bei Tisch kam ich zwischen der neuseeländischen und der US-amerikanischen Bildungsministerin zu sitzen und wir hatten, wienerisch gesagt, "eine Hetz". Bei einem Blick in das Programm fiel uns auf, dass keine offizielle Verabschiedung des langjährigen japanischen Delegierten vorgesehen war, der mich immer wie ein väterlicher Freund behandelt hatte.

Ich klopfte mit einer Gabel an mein Champagnerglas. Die beiden mich flankierenden Ministerinnen zischten mir alarmiert "Karl, don't!" zu, aber es war zu spät. Vom Champagner beflügelt, hielt ich eine kleine Laudatio, in der ich den alten Herrn als von uns allen hochverehrten "sensei" würdigte, ein Wort, das den japanischen Respekt vor Gelehrsamkeit und Altersweisheit ausdrückt. Mächtiger Applaus und ein Toast auf den gerührten Japaner, mit dem ich in persönlichen Gesprächen und im CERI-Plenum die Sorge geteilt hatte, die OECD könnte sich bei ihren internationalen Vergleichen allzu sehr auf Schulleistungen konzentrieren und die Aspekte Chancengleichheit, Fairness und schulische Lebensqualität unterschätzen.

Wie die Arbeit des CERI belegt, waren unsere Befürchtungen unbegründet. Sowohl die PISA-Studien als auch zahlreiche andere Projekte zum Problemfeld "Quality and Equality in Education" analysieren die Chancenungleichheit und die Ungerechtigkeit, die in den Bildungssystemen vieler sich demokratisch verstehender Länder herrschen. Vielleicht sollte sich die OECD weniger am Freud-Satz "Die Stimme des Intellekts ist leise" orientieren und unangenehme Wahrheiten lauter aussprechen.

Mehr aus diesem HEUREKA

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!