GASTKOMMENTAR

Zur Gesundheit bei Menschen und Tieren

KERSTIN WEICH
vom 03.06.2020

Der Mensch ist so wenig allein auf der Welt, wie seine Gesundheit eine rein menschliche Angelegenheit. Die Epidemien zu Beginn des 21. Jahrhunderts machen es deutlich: Wie bei SARS, Vogelgrippe und Ebola handelt es sich auch bei Covid -19 um eine Zoonose. Das sind Infektionskrankheiten, die wechselseitig zwischen Menschen und Tieren übertragen werden können. Zoonotische Erreger halten sich nicht an die Speziesgrenzen und machen Tiere wie Menschen krank. Geht man noch einen Schritt weiter, erscheinen Zoonosen als Erfahrungen einer von Menschen und Tieren geteilten Verletzlichkeit und Sterblichkeit.

Trotzdem gilt seit der Moderne die Gesundheit als ein exklusiv menschliches Gut. Bei Infektionskrankheiten mit Seuchenpotenzial wird das zum Problem, daher gibt es die Forderung nach Synergie von Human-und Veterinärmedizin unter dem Label "One Health". Zwei wesentliche Kritikpunkte der Tierund Medizinethik daran: Das Konzept wendet sich nicht vom Anthropozentrismus ab und stellt damit weiterhin den Menschen in seiner Überlegenheit in den Mittelpunkt.

"One Health" meint oft die Optimierung menschlicher Gesundheit durch den Einbezug von Medizinwissen über andere Spezies. So rückt eine Revision des Konzepts von Gesundheit von einem speziesgebundenen, biologischen Fakt zu einer diversen und politischen Frage in weite Ferne.

Das bringt uns zur Tiermedizin: Seuchen sind hier Teil der Normalität. Epidemiologisch ist ein Nutztierbestand wie andere Monokulturen eine Risikokonstellation: Krankheitserreger finden viele Wirte und Wirtinnen auf engem Raum -Infektionsbedingungen wie in Ischgl.

Im Unterschied zu Tirol markiert ein infizierter Bestand von Geflügel, Schweinen oder Rindern als "Seuchenobjekt" das Zentrum einer radikalen Bekämpfung des Erregers durch Keulung, also durch die Tötung und anschließende Vernichtung aller erregerempfänglichen, kranken wie gesunden Tiere im Umkreis. Bei vielen Tierseuchen besteht Impf-und Therapieverbot: Seuchenkranke Tiere sind keine Patienten. Sie werden mit dem Erreger eins gesetzt und deshalb vernichtet. In der Tierseuchenpolitik hört die bakteriologische Rede vom kleinsten Feind der Menschheit, der nach einem Vernichtungskrieg verlangt, auf, Metapher zu sein.

Der Weg zu einer zoonotischen Gesundheitspolitik ist noch weit. Bei Corona werden die Diskussionen um den "tierischen Ursprung" der Pandemie mit Schuldnarrativen und Kriegsfantasien verknüpft, in denen Mensch und Tier sich gegenüberstehen. Das reaktionäre Duett aus Misanthropie und Tierliebe besingt entweder "Corona" als Strafe für böse Menschen, die arme Tiere nicht in Ruhe lassen, oder berichtet mit gehässigem Unterton, welche Tiere in Laboren die Suppe auslöffeln dürfen, die sie uns eingebrockt haben.

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