ÖKOSYSTEMDYNAMIK

Baumsterben im Fichtenwald

Der Borkenkäfer bereitet der heimischen Forstwirtschaft Sorgen. Sie werden in nächster Zeit noch größer werden

WERNER STURMBERGER
vom 08.07.2020

Ich würde nicht von einem Waldsterben sprechen", erklärt Rupert Seidl, Leiter des Departments für Ökosystemdynamik und Waldmanagement an der TU München. "Der Wald als Ökosystem verschwindet nicht. atsächlich nehmen die Waldflächen in Österreich sogar leicht zu. Was wir im Moment aber sehen ist ein massives Baumsterben." Der Forstwissenschaftler und sein Team konnten zeigen, dass sich die von Baummortalität betroffenen Flächen in Mitteleuropa in den letzten dreißig Jahren verdoppelt haben. Diese Entwicklung hat jedoch andere Ursachen als das "Waldsterben" der 1980er Jahre und ist eng mit den steigenden Temperaturen und der Erderhitzung verknüpft.

Aus Fichtenmonokulturen wird dank der Borkenkäfer Schadholz

Die momentan große Menge an Schadholz ist auf eine Verkettung unterschiedlicher Faktoren zurückzuführen. Die heimische Forstwirtschaft ist zu großen Teilen eine Fichtenwirtschaft, die die Hälfte der Ertragswaldflächen ausmacht. Viele Fichtenwälder erreichen gerade ein kritisches Alter: "Je größer Bäume werden, desto schwerer fällt es ihnen, Wasser aus den Wurzeln bis in die Krone zu transportieren. Mit der Größe werden sie auch anfälliger für Wind und Schädlinge", sagt Seidl. Da Fichten jedoch nur flache Wurzeln ausbilden, leiden sie bei Starkwindereignissen besonders. Sommerlichen Dürren, von denen das Waldviertel in den letzten Jahren stark betroffen war, schwächen die Abwehrmechanismen der Bäume zusätzlich. Dies liefert sie dem Borkenkäfer aus. Der "Buchdrucker", ein Fichtenborkenkäfer, benötigt wegen seiner Größe ältere und hohe Bäume, um sich einnisten zu können. In vielen Fichtenmonokulturen findet er eine ideale Bestandsstruktur und in den dicht stehenden und von Dürre geschwächten Bäumen beste Verbreitungsbedingungen vor. Das führt zu einer großen Menge an Schadholz.

Von der Monokultur zum vielfältigen Mischwald

Zumindest beim Borkenkäferbefall ist mittelfristig Besserung zu erwarten: "Der Buchdrucker kommt in Wellen. Erfahrungsgemäß ebben diese ab, wenn mit der Population des Käfers auch die seiner Fressfeinde anwächst. Gleichzeitig nimmt die Nahrungskonkurrenz unter den Käfern zu", erklärt Seidl. Langfristig zwingt jedoch der Klimawandel die Forstwirte zum Handeln: "Aktuell sehen wir, was ein Temperaturanstieg von rund einem Grad Celsius bewirken kann. Wenn es so weitergeht, werden wir am Ende des Jahrhunderts eher bei zusätzlichen drei bis vier Grad landen." In den Tief-und Mittellagen werden es Fichten jedoch künftig schwer haben. "Natürlich gibt es Eichen oder Douglasien, die mit sommerlichen Dürreperioden besser zurechtkommen. Es wäre aber falsch, erneut auf Monokulturen zu setzen. Wenn man eine neue Baumart einführt, werden auch die Schädlinge nachfolgen." Mischwälder hingegen reagieren auf Schädlinge, aber auch auf Klimaextreme robuster. Es geht dabei nicht nur um einen Mix aus unterschiedlichen Arten, auch eine strukturelle Vielfalt durch unterschiedlich alte Bäume wirkt sich positiv aus. Die Forstwirtschaft stehe vor großen Herausforderungen, meint Rupert Seidl: "Forstwirtschaft hat ja immer zwei Seiten. Einerseits arbeitet man mit dem Wald, den Generationen vor uns gepflanzt haben und versucht, das Beste für die heutige Gesellschaft herauszuholen. Gleichzeitig muss man aber auch immer den Wald für die nächsten Generationen schaffen, der den erwarteten Umweltveränderungen standhält. In Zeiten eines rapiden globalen Wandels keine leichte Aufgabe."

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