ZEITGESCHICHTE

Der grüne Sommerofen Wien heizt noch bis 2050

Wien gilt als grünste Stadt der Welt. Trotzdem bringt sie mit ihrer Hitze im Sommer Menschen, Tiere und Pflanzen um

HANNAH JUTZ
vom 08.07.2020

Die Hitze im Sommer lässt eine Großstadt noch heißer werden. Versiegelte Oberflächen im urbanen Gebiet speichern Wärme und führen zu extrem hohen Temperaturen, während es im begrünten Umland einige Grade kühler ist. Der Begriff "Urban Heat Islands" (UHI) beschreibt diesen Temperaturunterschied zwischen Stadt und Land. Die Hitze ist nicht nur unangenehm, sie kann besonders für alte und vorerkrankte Menschen, aber auch Kinder oder Menschen, die im Freien arbeiten, gefährlich werden.

Wien wird so heiß wie Skopje heute werden

Auf der ganzen Welt zieht es immer mehr Menschen in Städte. Im Jahr 2050 sollen fast zwei Drittel der Weltbevölkerung in Metropolen leben. Gleichzeitig sorgt das Voranschreiten des Klimawandels dafür, dass hohe Temperaturen und Hitzewellen deutlich häufiger vorkommen als zuvor. Laut einer Studie vom Crowther Lab, das an der ETH Zürich nach Lösungen für den Klimawandel sucht, wird Wiens Klima in dreißig Jahren dem der nordmazedonischen Stadt Skopje gleichen. In den wärmsten Monaten soll die maximale Temperatur um fast acht Grad Celsius ansteigen.

"Das ist aber nur das Maximum, durchschnittlich wird es eher um ein Grad Celsius wärmer", erklärt Maja Zuvela-Aloise, Leiterin der Fachabteilung Stadtmodellierung bei der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik ZAMG. "Südlichere Städte werden größere Probleme mit der Hitze haben. Aber auch die Temperaturen in Österreichs Städten werden langsam so hoch, dass es für die Menschen unangenehm wird." Bei Hitze fühlen wir uns unwohl, schlafen schlecht, sind weniger produktiv, aggressiver und anfälliger für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine höhere Sterblichkeit ist die Folge.

Mit den Menschen leiden auch Tiere und Pflanzen. "Das ist leider nicht so gut untersucht, aber natürlich führt Hitze bei Tieren zu Stress und lässt den Boden austrocknen", sagt Zuvela- Aloise. "Manche Pflanzen wachsen unter diesen Bedingungen aber auch besser."

Durch vermehrte Bewässerung und Kühlung von Häusern oder Straßen steigt der Energie-und Wasserbedarf, was bei längeren Hitze-und Trockenheitsperioden problematisch werden könnte. "Gebäude haben einen großen Einfluss auf das Klima. Richtige Isolierung und geeignetes Material, aber auch Dach-und Fassadenbegrünung werden in der Baubranche immer wichtiger."

Grüne, blaue und graue Maßnahmen gegen die Hitze Maßnahmen zur Hitzeanpassung können grundsätzlich in drei Kategorien unterteilt werden. Die Erhöhung des Grünanteils in Straßen-und Freiräumen sowie die Begrünung von Gebäuden gehören zu den grünen Maßnahmen. Blaue Maßnahmen erhöhen den Wasseranteil in der Stadt durch Bewässerung, Regenwassermanagement oder Bereitstellen von Trinkwasser. Die Beschaffenheit von Oberflächen, Beschattung oder bauliche Beeinflussung von Windverhältnissen fallen unter die grauen Maßnahmen.

Seit fünf Jahren gibt es in Wien den UHI-Strategieplan, der 37 solcher Maßnahmen beinhaltet. "Davor hat man Bäume vordergründig aus gestalterischen Gründen und zur Aufwertung der Lebensqualität gepflanzt", erzählt Jürgen Preiss, der bei der Umweltschutzabteilung Wien (MA 22) für nachhaltige Stadtentwicklung verantwortlich ist. "Welche Maßnahme sinnvoll ist, hängt vom Kosten-Nutzen-Verhältnis und von Faktoren wie der sozialen Funktion oder dem Einfluss auf die Biodiversität ab." Er betont, wie wichtig es ist, dass auf verschiedenen Ebenen etwas getan wird: "Die Stadt und alle Bezirke setzen Maßnahmen zur Klimawandelanpassung. Was fehlt, sind gesetzliche Vorgaben und die Einbindung von Privatpersonen." Eine breite Kommunikation und der Austausch zwischen den Ebenen könne helfen: "Es braucht Leuchttürme, also Vorbilder, wie etwa Gemeinschaftsgärten."

"Es gibt positive Entwicklungen", bestätigt Zuvela-Aloise. "Städte sind weniger durch Verkehr belastet, der Energieverbrauch wird effizienter." Gleichzeitig unterstreicht sie die Dringlichkeit, etwas zu tun: "Bäume brauchen Dekaden, bis sie wirksam sind. Wir müssen jetzt anfangen und nicht nur kompensieren, sondern auch Klimaschutz betreiben." Jürgen Preiss zeigt sich zuversichtlich: "2050 werden die Freiräume in den Städten autofreier und die Fassaden und Dächer grüner sein. Vom Flugzeug aus wird man Stadtteile wie Aspern Seestadt gar nicht so leicht erkennen können."

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