Die russische Steppe verdorrt

Dem fruchtbarsten Gebiet Russlands drohen Verwüstung und Brandkatastrophen

TEXT: SOPHIE JAEGER
vom 08.07.2020

Die Eurasische Steppe erstreckt sich 7.000 Kilometer weit über Teile Osteuropas und Zentralasiens bis in den Osten Chinas. In der Russischen Föderation zieht sie sich über die Osteuropäische Tiefebene bis nach Sibirien und wird in Typen aufgeteilt, die parallel zueinander verlaufen: Die Waldsteppe im nördlichen Übergang zur Taiga, die Langgras-, Mischgrasund Kurzgrassteppe in der Mitte und die Wüstensteppe im Süden.

Die russische Steppe ist heute vor allem von landwirtschaftlicher Bedeutung. Auf den Steppen der Osteuropäischen Tiefebene, die nur rund sechs Prozent der Gesamtfläche der Russischen Föderation ausmachen, werden knapp vierzig Prozent des landwirtschaftlichen Ertrags eingebracht. In der Steppenzone gibt es besondere Bodentypen wie den Tschernosem, die Schwarzerde, einer der fruchtbarsten Böden der Erde. Er findet sich auch in den Steppen Ungarns und Rumäniens, im Weinviertel und im nördlichen Burgenland.

Doch die intensive landwirtschaftliche Nutzung verursacht Degradationsprozesse im Boden. "Dadurch gehen eine oder mehrere biologische und ökonomische Funktionen des Bodens teilweise oder völlig verloren", erklärt Sabine Kraushaar vom Institut für Geografie und Regionalforschung der Universität Wien.

Die russische Steppe wird allmählich zur Wüste

Degradation ist oft auf Erosion oder auf chemische Prozesse zurückzuführen. "Von chemischer Degradation spricht man, wenn die Nährstoffe im Boden verloren gegangen sind, etwa durch Ausspülung oder Versalzung", erklärt Kraushaar. Erosion hingegen bedeutet den Verlust des für Menschen landwirtschaftlich nutzbaren Bodens durch Ausspülung oder Ausblasung. Derartige Prozesse nehmen in Steppengebieten besonders verheerende Ausmaße an: "Wenn Boden in ariden und semiariden Gebieten degradiert, wird vormals fruchtbares Land nicht nur unfruchtbar, häufig kann sich auch keine geschlossene Vegetationsdecke mehr bilden. Dies verstärkt die Bodendegradation weiter, was auch den Grundwasserspiegel absenken kann und das Land sozusagen verwüstet."

Die Wüstenbildung, Desertifikation genannt, hat katastrophale Auswirkungen: Neben Wasserknappheit und erschwerter Nahrungsmittelproduktion führt sie auch zu einer Reihe gesundheitlicher Probleme bei Menschen. Sandstürme und Luftverschmutzung können Atemwegserkrankungen und Augenentzündungen auslösen.

Laut einer Schätzung des russischen Forschers German Kust aus dem Jahr 2013 sind über sieben Prozent des Staatsgebiets der Russischen Föderation von Desertifikationsprozessen betroffen. Die von German Kust, Olga Andrejewa und Dmitri Dobrynin erstmals im Jahr 2011 kartografierte Desertifikationszone Russlands zieht sich - ähnlich dem Steppengürtel -von der Grenze zur Ukraine im Süden der Föderation entlang der Grenze zu Kasachstan bis nach Sibirien. Der südliche Teil der Föderation, insbesondere das Gebiet zwischen dem Asowschem und dem Kaspischem Meer ist besonders betroffen. In diesem Gebiet, das im Westen an die Ukraine und im Osten an Kasachstan grenzt, befinden sich die Oblaste Rostow, Wolgograd und Astrachan sowie die Republik Kalmückien. Kalmückien liegt an der nordwestlichen Küste des Kaspischen Meeres und wird oft als "erste Wüste Europas" bezeichnet. In dreiundzwanzig weiteren Föderationssubjekten tritt Desertifikation zumindest partiell auf und betrifft insgesamt ein Gebiet von über hundert Millionen Hektar in der Russischen Föderation.

Menschliche Eingriffe führen zur Verwüstung

Desertifikationsprozesse gefährden die Lebensmittelsicherheit massiv und können weite Landstriche unbewohnbar machen. Das Problem wurde bereits zu Sowjetzeiten aufgegriffen. In den 1980er Jahren widmeten sich die Rostower Filmstudios in mehreren kritischen Dokumentarfilmen den fatalen Folgen der Bodendegradation. Der russische Journalist Anatoli Iwaschtschenko, Autor dieses Filmzyklus, würde nach heutigen Maßstäben wohl als Umweltaktivist bezeichnet werden. Wehmütig und anklagend beschreibt er, wie Menschen erst in den Kosmos fliegen mussten, um zu erkennen, welchen Schaden sie der Erde zufügen. Die bildgewaltige Dokumentation mit dem Titel "Eiserne Setzlinge" (1987) fokussiert auf den Einsatz schwerer Maschinen und den Anbau von Monokulturen als Gründe für die zunehmende Degradation des Bodens und die Desertifikation der russischen Steppe.

Auf die Frage, was Desertifikationsprozesse beeinflusst, erklärt Sabine Kraushaar von der Universität Wien, dass sich Verwüstung selten auf einzelne Gründe zurückführen lässt. "Global betrachtet zeigt sich, dass der Klimawandel größere Gebiete aridisieren lässt, wodurch die Desertifikation schnell voranschreitet."

Die Desertifikation kann durch das Wirken von Menschen regional auf sehr unterschiedliche Weise begünstigt werden. Beispielsweise wird der Boden in der Oblast Rostow dank seiner Fruchtbarkeit seit Jahrhunderten gepflügt. Dies zerstört seine Struktur und er kann Wasser weniger gut aufnehmen, weshalb es oberflächlich abläuft und den Boden erodiert. Darüber hinaus wurde in dem Gebiet massiv Braun-und Schwarzkohle gefördert. Neben der Bodenkontamination führte dies auch zu einem Absinken des Grundwasserspiegels, was wiederum die Erosion begünstigte. In anderen Gebieten der Russischen Föderation wie zum Beispiel in der bereits erwähnten Republik Kalmückien, lässt sich die Desertifikation vor allem auf eine Überweidung der Steppe und fehlerhafte Bewässerungssysteme zurückführen. Auf diese Weise verkamen bis in die 1990er Jahre dreizehn Prozent des Gesamtgebiets der Republik Kalmückien zu Wüsten.

Zur Verwüstung kommen nun gewaltige Brände hinzu

In den letzten Jahren tritt eine Gefahr für die russische Steppe immer häufiger und massiver auf: Feuer. Brände gefährden besonders die Steppengebiete in Sibirien, die im Übergang zum borealen Nadelwald liegen wie zum Beispiel in der Teilrepublik Chakassien. Anton Beneslawski, Waldbrandexperte bei Greenpeace International, erklärt, warum Steppenbrände, die meist auf Menschen zurückgeführt werden können, so gefährlich sind: "Das Gras in der Steppe und in bereits degradierten Waldgebieten dient als Zunder für die Brände in der Taiga. Grasland entflammt leicht und vor allem schnell und gefährdet so den intakten Wald in seiner Umgebung."

Vor wenigen Jahren noch wären Brände vom Regen gelöscht worden. Doch nun bleiben die Regenfälle immer häufiger aus. Verbunden mit den steigenden Temperaturen in Zusammenhang mit dem Klimawandel führt das heute dazu, dass große Teile des sibirischen Waldes bereits im Frühjahr in Flammen stehen. So zeigt das NASA Satellitenüberwachungssystem für die Zeit zwischen 14. April und 13. Mai 2020 große Brandherde in den Oblasten Nowosibirsk, Krasnojarsk und Sabaikalsk. All diese Gebiete sind in ihren südlichen Ausläufern auch von der Desertifikation betroffen.

Die Maßnahmen gegen Desertifikationsprozesse gestalten sich in der Russischen Föderation wie auch andernorts als schwierig. Offizielle Dokumente der Föderation erwähnen Desertifikation erstmals 1995, als die massive Verschlechterung der Lebensbedingungen in Kalmückien die Behörden dieser Republik in Zugzwang brachte. In Zusammenarbeit mit dem UN-Umweltprogramm wurde ein Nationaler Aktionsplan für Kalmückien entworfen, der Gegenmaßnahmen beschreibt. So wurde beispielsweise begonnen, im Nationalpark Tschornyje Semli ("schwarze Ländereien"), einem Naturschutzgebiet an der kalmückischen Grenze zu Astrakhan, Steppenvegetation künstlich anzubauen, um den Boden zu festigen und die fortschreitende Versandung des Gebiets zu stoppen. Darüber hinaus ist die Weidewirtschaft auf dem gesamten, über tausend Quadratkilometer großen Gebiet verboten. Es fehlt jedoch ein umfassender Plan zur Bekämpfung der Desertifikation, der die zahlreichen regionalen Unterschiede auf dem gewaltigen Territorium der Russischen Föderation miteinbezieht. Daher sind weite Teile der russischen Steppe weiterhin der Verwüstung ausgesetzt.

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