WASSERBAU

Mehr Wasser für den Neusiedler See

Zunehmende Hitzeperioden könnten den See bald austrocknen lassen. Maßnahmen dagegen werden geprüft

INTERVIEW: BARBARA FREITAG
vom 08.07.2020

Christian Sailer, Leiter des Hauptreferats Wasserwirtschaft bei der burgenländischen Landesregierung, ist verantwortlich für ein Projekt zur Rettung des Neusiedler Sees.

Herr Sailer, worum geht es?

Christian Sailer: Um den Naturraum Seewinkel-Neusiedler See samt Einserkanal, Grabensystem, Salzlacken sowie Grundwasser - und das grenzüberschreitend. Vor gut hundert Jahren wurden bei Hochwasserschutzmaßnahmen sumpfige Böden für die Landwirtschaft trockengelegt. Österreich und Ungarn sollen nun Überlegungen zur gemeinsamen Gewässerbewirtschaftung anstellen.

Derzeit geht es ja eher nicht um Hochwasserschutz

Sailer: Den Seewinkel durchzieht ein Grabensystem zur Entwässerung und als Schutz vor Überflutungen. Die Gräben entwässern den Niederschlag in Richtung Einserkanal, greifen aber auch in den Wasserhaushalt des Seewinkels ein. Derzeit haben wir einen so niedrigen Wasserstand im See, dass seit 2015 keine Entlastung über die Wehranlage im Einserkanal erfolgt ist. Künftig muss man das Wasser durch technische Maßnahmen länger im Seewinkel halten. Der fehlende Niederschlag ist durch eine Wasserzugabe im Naturraum Seewinkel-Neusiedler See auszugleichen.

Das war bereits vor einigen Jahren ein Thema ...

Sailer: Nach dem extrem trockenen Sommer 2003 sollte dem See Wasser aus der Rabnitz und dem Grundwasserbegleitstrom der Donau zugeführt werden. Aus verschiedenen Gründen ist es unterblieben, die Lage hat sich dann auch entspannt. Heute bietet sich eine weitere Möglichkeit, die gerade im Rahmen der österreichischungarischen Gewässerkommission geprüft wird. Wir wollen den See als Landschaftselement und Lebensraum erhalten. Dazu werden wir Maßnahmen aus limnologischer, biologischer und ökologischer Sicht genau prüfen.

Kann es dabei zu einer Salzauswaschung im See kommen?

Sailer: Diese Kritik wäre berechtigt, wenn man den See immer konstant auf einen Hochstand bringen würde und dann bei Regen die Entlastungsanlage im Einserkanal öffnen müsste. Das würde das System nachhaltig schädigen. Natürlich müssen die Wasserqualitäten auf ihre Verträglichkeit hin untersucht werden. Der See besteht hauptsächlich aus Niederschlag und dem Wasser der Wulka. Sie bringt rund einen Kubikmeter pro Sekunde, das sind jährlich etwa dreißig Millionen Kubikmeter Wasser. Der See hat bei mittlerem Wasserstand etwa 300 Millionen Kubikmeter. Es soll überprüft werden, ob eine Einleitung von einem Kubikmeter pro Sekunde auch von der anderen Seite her möglich wäre. Das höbe den Wasserstand im See um zehn Zentimeter. Dazu muss der hohe energetische Aufwand im Verhältnis zur Nachhaltigkeit geprüft werden. Die BOKU hat 2005 Klimaszenarien erstellt, nach denen der See weitgehend austrocknen würde, wenn extreme Trockenjahre vier-bis fünfmal hintereinander auftreten.

Wie sieht das Projekt technisch aus?

Sailer: Über kurze Bereiche müsste Wasser in Rohrleitungssystemen mittels Pumpen gehoben werden, um im freien Gefälle verteilt werden zu können. Es gäbe eine Wasserführung in offenen Gräben und die Einleitung in Pufferbecken für die Bewässerung sowie eine Weiterleitung in den See. Man müsste festlegen, wo es zur Versickerung ins Grundwasser kommen soll. Eine direkte Einleitung von Wasser in die Salzlacken ist nicht vorgesehen. Hier soll der Grundwasserstand durch Versickerung auf ein höheres Niveau gehoben werden. Dadurch soll die Landschaft nicht verschandelt werden, daher gäbe es kleine Interventionen wie etwa kleine Wehranlagen.

Wie sieht der Zeithorizont aus?

Sailer: Ich gehe von mindestens fünf Jahren aus, bis der erste Tropfen Wasser in den Seewinkel und den See fließen kann. Je eher, desto besser. Die Jahresmitteltemperatur des Sees hat sich um etwa 1,9 Grad Celsius erhöht. Bei sehr geringem Wasserstand kommt es vor allem in heißen Sommern zum stärkeren Ansteigen der Wassertemperatur mit Folgen für den Sauerstoffgehalt. Das könnte sich negativ auf das Ökosystem auswirken. Ich bin aber optimistisch, dass unsere Maßnahmen all das verbessern können.

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