WISSENSCHAFTLICHE BÜCHER AUS ÖSTERREICH

EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN

vom 08.07.2020

"Robinson Crusoe" erlebt als Sechsjähriger die Pest in London

Der Autor Daniel Defoe (1660-1731) erzählt semifiktional die Große Pest in London, die er als Kleinkind selbst erlebt hatte. Am Anfang des dokumentarischen "Abenteuers" stehen Gerüchte und erste Todeszahlen. Scharlatane sprechen von der Strafe Gottes, Warnungen werden in den Wind geschlagen, "Schwelgereien" verboten; der Bruder des Erzählers wie auch der König fliehen aus der Stadt. Ein "rauhes" Gedicht steht am Ende: "Ein furchtbar Pestjahr hat's in London Anno fünfundsechzig gegeben; Verschlang's doch hunderttausend Seelen, Ich aber, ich blieb am Leben."

Daniel Defoe, Die Pest in London, Verlag Jung und Jung, Salzburg 2020, 400 S.

Erinnerungen eines bedeutenden kakanischen Theatermanns

Ernst Lothar, Autor und Theatermann, erinnert sich: Kindheit in Brünn, ein erster Romanversuch neben dem Jusstudium. Mit Sigmund Freud diskutiert er den Untergang Kakaniens, mit Kanzler Ignaz Seipel die Freiheit der Kunst. Die Nazis der Josefstadt werfen ihren Regisseur hinaus, der über die Schweiz nach Amerika flieht, wo er "Justice for Austria!" propagiert. "Ami go home!" lautet die Begrüßung des zurückgekehrten Besatzungsoffiziers, der Karajan entnazifiziert. Viel Patriotismus: "Fliehen ist etwas Beschämendes, und wer einigen Stolz hat, spürt das."

Ernst Lothar, Das Wunder des Überlebens. Erinnerungen, Zsolnay Verlag, Wien 2020, 384 S.

Welches Gedicht Karl Kraus für das beste hielt, wird in diesem Buch verraten

Nach tausend Seiten Kontextualisierung von Leben und Werk des "Widersprechers" ist klar: Karl Kraus und kein Ende. Der Weg vom ostböhmischen, nach Wien übersiedelten Kaufmannssohn mit Apanage, der die "Fackel" gründet, Fehden mit Kollegen, dem eigenen Judentum, mit Presse und Ungeist der Zeit ausficht, steuert auf "etwas weltliterarisch Einzigartiges" zu: "Die letzten Tage der Menschheit". Die Dollfuß-Apologie des konservativen Spötters "ohne Disposition zum Faschismus", der rechtzeitig vor dem "Anschluss" starb, bereitet jedoch Kopfzerbrechen.

Jens Malte Fischer, Karl Kraus. Der Widersprecher, Zsolnay Verlag, Wien 2020, 1104 S.

Grimmiger Humor angesichts der Lagerhaft in Konzentrationslagern

Der bald nach Kriegsende verfasste und jetzt in der Reihe "Mauthausen-Erinnerungen" veröffentlichte Bericht des polnischen Elektromechanikers Stanisław Grzesiuk hebt lakonisch an: "Vom 4. April 1940 bis zum Tag der Befreiung durch die amerikanische Armee am 5. Mai 1945 saß ich in den Konzentrationslagern Dachau, Mauthausen und Gusen." Überwältigend die Detailgenauigkeit und der grimmige Humor dieses umfassenden Rückblicks auf eine Welt aus Gewalt, Mord und Sadismus, die der Erzähler zufällig überlebt hat. Eine Pflichtlektüre!

Stanislaw Grzesiuk, Fünf Jahre KZ, (Übers. Antje Ritter-Miller), New Academic Press, Wien 2020,480 S.

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