BRIEF AUS BRÜSSEL

COVID-Lernen

EMILY WALTON
vom 21.10.2020

Die Krise als Chance? Diese Fragestellung mag abgedroschen und gezwungen positiv klingen, in Brüssel aber (wo man sich ohnehin seit Jahren im Dauerkrisenmodus befindet) versucht man, diesen optimistischen Zugang zu wählen. In manchen Bereichen könnte also an der These, die Krise wäre auch ein Innovationsbeschleuniger, etwas Wahres sein - beispielsweise bei der Schaffung eines modernen, stark digitalisierten europäischen Bildungswesens.

Von 2018 bis 2020 war der erste "Aktionsplan für digitale Bildung" der Europäischen Kommission angesetzt. Anfang September endete der öffentliche Konsultationsprozess, bei dem Anregungen und Erfahrungen aus ganz Europa eingeholt wurden und die in einen aktualisierten Aktionsplan für die kommenden Jahre einfließen sollen. Der Arbeitstitel lautet nun: "Lernen aus der COVID-19-Krise. Lehren, Lernen und Technologie in einer sich verändernden Welt."

Die Pandemie habe die größte Störung für Bildung und Ausbildung in der jüngeren europäischen Geschichte verursacht, meint die bulgarische Kommissarin für Innovation und Jugend, Mariya Gabriel: "Viele Studierende und Lehrende haben digitale Bildungswege genutzt, um das Schuljahr fortzusetzen, und für viele war es das erste Mal, digitale Möglichkeiten zur Gänze genutzt zu haben. Aus diesen Erfahrungen möchten wir lernen."

Der digitale Aktionsplan ist nur einer von mehreren Bausteinen zur Schaffung eines "europäischen Bildungsraums"; zwei weitere umfassen "Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen" und "gemeinsame Werte". Geht es nach der EU-Kommission, soll dieser Bildungsraum bis 2025 realisiert werden.

Diese Vision sieht Studien-Auslandsaufenthalte als Normalfall und nicht als Ausnahme an; Schulund Hochschulabschlüsse sollen EU-weit anerkannt werden; neben der Muttersprache soll jeder mindestens zwei weitere Sprachen beherrschen, und der Zugang zu hochwertiger Bildung soll weniger stark als bisher von der Geburtslotterie bestimmt werden.

Eines, betont man in Brüssel, soll der Fokus auf das Digitale jedoch nicht bewirken, nämlich dass die Fahrt über Ländergrenzen ersetzt wird. Im Gegenteil: Die Aktionspläne sehen auch eine Stärkung der Erasmus-Programme vor. Die Erfahrung eines Auslandsaufenthaltes lässt sich nämlich nicht am Laptop erleben.

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