Das unverzichtbare Klassenzimmer

Die Erfahrung in Schweden zeigt: Das virtuelle Lernen funktioniert nur als Ersatz

TEXT: AGNETA GULZ
vom 21.10.2020

Aus dem Corona-Frühjahr, als auch in Schweden zahlreiche Schulen auf Fernunterricht umgestellt wurden, berichten Lehrer, dass immer mehr Schüler und Schülerinnen abgerutscht oder gar verschwunden seien. In dieser Zeit hatten Lehrende und Schüler auf der ganzen Welt "Onlineaktivitäten auf Distanz" statt "Unterricht im Klassenzimmer" erlebt, und zwar sowohl bei synchronen Aktivitäten, bei denen alle gleichzeitig aktiv tätig waren, als auch bei asynchronen wie etwa einer von der Lehrperson aufgezeichneten Unterrichtslektion, welche die Schüler später über den heimischen Bildschirm verfolgen konnten.

Für die überwiegende Mehrheit stellte die neue Art des Lernens eine große Herausforderung dar. Durch diese Form des Unterrichts ist nämlich einiges verloren gegangen, das mit der physischen Anwesenheit im Klassenraum einhergeht, sich grundlegend positiv auf das Lernen auswirkt und dennoch oft wenig beachtet wird.

Lehren ist mehr als bloße Informationsübertragung

Im Klassenzimmer können die Anwesenden einander leicht und schnell Hilfestellung geben. "Wenn ich durch den Raum gehe", erzählt eine Lehrerin, "sehe ich, wie ich jenen, die steckenbleiben oder mit der Arbeit nicht anfangen, helfen kann, oder zu zeigen, wie jemand etwas weiterentwickeln könnte. Beim Zoom-Meeting oder dergleichen gibt es diese Möglichkeit nicht." Auch fehlen die direkten, mitunter unbewussten Rückmeldungen der Schüler wie etwa ein Nicken mit dem Kopf, fragende Blicke, Einwände oder Kritik.

Diese Formen der zum Teil nonverbalen Kommunikation sind aus Sicht vieler Lernforscher zentral und unverzichtbar für die Qualität des Unterrichts. Sie helfen den Lehrenden zu verstehen, wo der Lernstoff tatsächlich gelandet ist. "In einer normalen Unterrichtssituation sage ich:'Ich sehe, dass du diese Aufgabe vielleicht nicht verstanden hast, lass mich versuchen, sie auf andere Weise zu erklären', oder 'Das ist ein interessanter Einwand' - all das ist virtuell kaum möglich."

Wenige Möglichkeiten beim Fernlernen zur spontanen Reaktion

Das gegenseitige Feedback stärkt auch die Fähigkeit der Schüler zu Disziplin und Selbstregulierung: Also zum Beispiel eine Arbeit zu erledigen, die jemand anderer verlangt und auf die man selbst keine große Lust hat, sich nicht eingehend darauf zu konzentrieren und durchzuhalten, vor allem, wenn anderes interessanter erscheint. Das ist für alle herausfordernd, ganz besonders aber für junge Menschen. Das gemeinsame Klassenzimmer mit Lehrenden und Gleichaltrigen unterstützt im Gegensatz zum Fernunterricht diese Form der Selbstregulierung. Dort nehmen alle gemeinsam an einem Lernkontext teil und erwerben sich so eine Identität als jemand, der lernt.

Das Klassenzimmer bietet Kontext und Zugehörigkeit. Beim Lernen aus der Ferne geht diese für menschliche Begegnungen so grundlegende Kommunikationsdynamik verloren, die Möglichkeit spontaner Interaktionen wird verringert. Damit nimmt die Qualität des Lehrens und Lernens deutlich ab.

In der Schule ist es zum Beispiel nicht möglich, während des Unterrichts unbemerkt das Klassenzimmer zu verlassen. Natürlich schweben alle Menschen, vor allem aber Kinder, hie und da in ihren eigenen Gedanken davon und sind zeitweise geistig abwesend. In digitalen Kontexten ist es für Schüler aber viel einfacher, sich zu verstecken, etwas völlig anderes zu tun oder ganz zu verschwinden, obwohl sie an Ort und Stelle zu sein scheinen. "Im Klassenzimmer kann ich umhergehen und sagen 'Hey, wie geht es dir?', oder 'Wirst du jetzt nicht endlich anfangen?'. Online gibt es hingegen Studierende, die nicht antworten, wenn ich sie anrufe."

Denken und Beziehungen sind stark mit dem Raum verbunden

Das gesammelte Wissen aus den unfreiwilligen Experimenten des vergangenen Frühlings bestätigt weitgehend, was wir bereits wussten: Beim Lehren und Lernen geht es um viel mehr als das Übertragen von Information, die von den Schülern verarbeitet wird. Die gemeinsame physische Anwesenheit ist für Lernprozesse von großer Bedeutung: Das Klassenzimmer ist nicht nur ein physischer, sondern auch ein relationaler und kommunikativer Raum, der unter anderem die Selbstregulierung unterstützt.

Für bestimmte Personen und unter besonderen Umständen kann ein digitales Fernstudium von Vorteil sein, etwa für Schüler, die sich aufgrund von Krankheit, Mobbing oder psychischen Erkrankungen im Klassenzimmer nicht wohl fühlen. Für die überwiegende Mehrheit hat der persönliche Unterricht ebenso wie für die Lehrenden jedoch große Vorteile, weil unsere Informationsverarbeitung, unser Denken und unsere Beziehungen so stark mit dem Raum verbunden sind.

Das Klassenzimmer ist also einzigartig: Dort ist man jemand, der gemeinsam mit anderen und vor unterschiedlichen Hintergründen und Voraussetzungen lernt und neue (Wissens-)werkzeuge erwirbt. Dieser besondere soziale Kontext hängt stark vom physischen Raum ab.

Soziale Medien als Unterrichtsraum desaströs für eine Gesellschaft?

Man könnte einwenden, im Zeitalter der sozialen Medien könne man doch den sozialen Kontext des Lernens und der Bildung ebenfalls in den digitalen Raum verlegen. Nun, die Mechanismen und sozialen Strukturen des Internets haben sich zwar als gut für jene sozialen Kontexte erwiesen, an deren Inhalten man bereits interessiert ist und die einen gewissen Unterhaltungswert haben. So findet man Gleichgesinnte, es entstehen selbstorganisierende, oft gut funktionierende, soziale Zusammenhänge. Aber es ist bisher nicht gelungen, einen digitalen, sozialen Kontext zu schaffen, der dem des Klassenzimmers ähnelt, also einen, in dem sich junge Menschen mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund und mit großen persönlichen Variationen treffen, um bei neuen, ihnen unbekannten Themen, die oft weder einfach noch unterhaltsam sind, zusammenzuarbeiten.

Basierend auf diesem Wissen könnte ein Übergang zum ausschließlichen Fernunterricht für eine Gesellschaft sozial desaströs enden. Was wir über junge Menschen wissen, zeigt, wie wichtig es ist, neue Kenntnisse und Werkzeuge im persönlichen Austausch zu erwerben, Selbstregulierung und Sozialisation zu praktizieren und auch das zu tun, worum man von jemandem anderen gebeten wird. Der persönliche Austausch beim Lernen ist in diesem Sinne unverzichtbar. Ohne eine Schule, die dies allen bietet, besteht die Gefahr, dass die sozialen Unterschiede in der Gesellschaft zunehmen, da junge Menschen aus soziokulturell starken Umgebungen zwar oft auch außerhalb der Schule viel von dem lernen, andere aber ihrem Schicksal überlassen werden und wegdriften.

Allen kurzfristigen finanziellen Gewinnen in Form eingesparter Lehrergehälter würden bald enorme Kosten gegenüberstehen: Jeder verliert, wenn Unterricht im Klassenzimmer wegfällt, aber am meisten verlieren Schüler aus Umgebungen mit geringen Ressourcen.

Natürlich sind Forschung und Entwicklung wichtig, um das Angebot und die Qualität für das Onlinelernen zu verbessern und weiterzuentwickeln, nicht zuletzt für den Einsatz in Ausnahmesituationen wie jener im Frühjahr. Aus aktueller wissenschaftlicher Sicht spricht jedoch nichts dafür, die Unterrichtsaktivitäten im Klassenzimmer durch bildschirmvermittelte Fernaktivitäten zu ersetzen. Es mag eine Notfallmaßnahme sein, taugt aber nicht für den Dauerbetrieb. Bildschirmvermitteltes Lernen und Fernunterricht sind bis auf Weiteres für alle Beteiligten wie das Autofahren mit Ersatzreifen: Ein Ersatz für die reale, bessere Sache.

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