LITERATUR

Dessen Sprache du suchst: Schreibende beteiligen sich an der Gesellschaft

Dass literarisches Schreiben auch Selbstverwirklichung verheißt, kann als Indiz einer hochentwickelten Kultur verstanden werden

ALEXANDER PEER
vom 21.10.2020

Aristoteles schrieb in seiner Poetik davon, dass "die Tragödie nicht die Nachahmung von Menschen, sondern von Handlung und Lebenswirklichkeit" sei. Dagegen formulierte der Romancier Henry James den Aphorismus, dass "aus dem Charakter zwangsläufig das Ereignis folgt". Ein unlösbarer Widerspruch?

Nicht, wenn man daran denkt, dass bestimmte Inhalte mit bestimmten formalen Kriterien eine Symbiose eingehen. Um ein Beispiel zu nennen: Raskolnikov, der getriebene Held in Dostojewskijs Schuld und Sühne, ist zweifelsfrei nach Henry James' Auffassung gestaltet. Wäre es nicht reizvoll, dieselbe Geschichte aus der Perspektive von Aristoteles zu gestalten? Schon hätte man eine lohnende Aufgabe für eine Schreibwerkstatt und eine Erkenntnis über die Wirkkraft der Erzählperspektive.

Literatur schafft Intimität, weil sie den Sinnen, also dem Riechen, Tasten, Schmecken und Spüren einen Raum verschafft, den ihm andere Medien verwehren. Das Credo lautet deshalb: Zeigen und nicht erklären.

Eine Rezeptur wird man vergeblich suchen; hilfreich sind aber Begleiter auf dem Weg zu derjenigen Sprache, die man sucht. "Die Lust am Text" ist jener erotische Treibstoff, der unser Begehren buchstäblich einbettet.

In der Wiener Schreibwerkstatt "Spüren, Sprechen, Schreiben" ergibt sich nun bald eine Gelegenheit, diese Lust zu erfüllen und, besser noch, auch zu schüren. (20. bis 22. November)

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