ANTHROPOLOGIE

Kaltes Klima bremste Einwanderungswelle von Jungsteinzeitbauern in Europa

Diese Bremsung in Belgien, Nordfrankreich und -deutschland sowie in der Ukraine hatte Folgen: Sex mit der ansässigen Bevölkerung

JOCHEN STADLER
vom 21.10.2020

Es geschah vor 9.000 Jahren: Jungsteinzeitbauernfamilien aus dem Nahen Osten zogen durch Europa, um sich hier niederzulassen. Meist blieben sie unter sich und hatten kaum Kontakt mit den hiesigen Jägern und Sammlern. Es gab vier Einwanderungsrouten mit rasch voranpreschenden "Expansionsfronten", so ein Team um Andrea Manica von der Universität Cambridge im Fachjournal "Nature Human Behaviour: Entlang des Mittelmeeres, durch Zentraleuropa bis England, von Mitteleuropa nach Skandinavien und vom Balkan direkt in den Nordosten Europas.

Bei drei Routen wurde die Einwanderung aber gebremst, und zwar im heutigen Belgien und Nordfrankreich vor der Überfahrt nach England vor 7.700 Jahren, in Norddeutschland vor 7.400 Jahren und im Nordwesten der heutigen Ukraine vor 8.200 Jahren. Dort mussten die jungen Bauern wohl erstmals damit zurechtkommen, dass ihr Getreide schlecht wuchs. Für ihre wärmeliebenden Nutzpflanzen gab es hier zu wenig Wachstumstage über fünf Grad Celsius, so der in Wien geborene Archäologe Philip Nigst, der an der Universität Cambridge forscht.

In jenen kühlen Regionen mischten sich die Jungsteinzeitbauern mit den ansässigen Jäger-und Sammlervölkern. Wenn die Nahrungsmittelproduktion nicht mehr verlässlich funktionierte, tauschten sie wohl Waren mit ihnen, lernten ihr Wissen über die lokalen Begebenheiten zu schätzen und hatten miteinander Sex.

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