LITERATURWISSENSCHAFT

Literarische Conquista

Wie deutschsprachige Autorinnen und Autoren mit ihren Sehnsüchten in den mexikanischen Kulturraum einfallen

LUKAS SCHÖPPL
vom 21.10.2020

"Revolte der Eingeborenen! Daran glaubte ich nicht einen Augenblick lang; dazu sind diese Indios viel zu sanft, zu friedlich, geradezu kindisch [ ] ein weibisches Volk, unheimlich dabei harmlos."

So beschreibt Walter Faber, Hauptfigur in Max Frischs Roman Homo Faber, die Bevölkerung Mexikos. Die Passage veranschaulicht gängige Zuschreibungen in der eurozentrischen Darstellung anderer Kulturen: exotisch, wild, ursprünglich, unheimlich und epistemisch unterlegen.

Wie Mexiko in der deutschen Literatur beschrieben, besungen und besetzt wird, ist das Thema von Caroline Kodyms Dissertation, die nun im Verlag transcript erschienen ist.

Kodym zeigt auf, dass Europa längst nicht mehr die Geraubte aus der griechischen Mythologie, sondern selbst "ein Eroberer" ist. Das Bild, das deutschsprachige Autoren von Mexiko zeichnen, changiert zwischen exotischem Sehnsuchtsort, archaischem Naturparadies, revolutionärem Projektionsraum für Gesellschafts-und Globalisierungskritik und Schauplatz kriminalistischer Geschehen.

In seinen Ansätzen einer interkulturellen Philosophie beschreibt der österreichische Philosoph Franz Wimmer drei Arten von Stereotypen der europäischen Historiografie: Das "Fremde" oder "Andere" wird entweder als barbarisch, exotisch oder heidnisch dargestellt.

Besonders die zweite Stereotype sei paradigmatisch für die Darstellung Mexikos in der deutschen Literatur, meint Caroline Kodym. "Mexiko ist die ursprüngliche und exotische Angebetete, die für den Eroberer deshalb so reizvoll ist, weil sie etwas verkörpert, das im Gegensatz zu der ihm bekannten Welt steht."

Kodym setzt bewusst das Begriffspaar "mexikanische Geliebte - europäischer Eroberer" als Konstante ein. Mexiko ist mentaler Fluchtort, doch als Projektionsfläche oft nur eine Spiegelung der eigenen Sehnsuchtsvorstellungen und damit eine Selbstliebe Europas.

Durch die Darstellung als Liebesbeziehung gelingt Kodym implizit eine weitere Erkenntnis: Die Darstellung der literarisch-kulturellen Eroberung Mexikos als phallogozentrisches Unterfangen von Konquistadoren. Dafür spricht auch, dass vor allem männliche Autoren über Mexiko schreiben.

Die Conclusio aus Kodyms Dissertation wurde in das Vorwort eingewoben, wodurch das Fazit in der Buchveröffentlichung sehr schmal ausfällt. Wenn Kodym schreibt, Kulturtransfers verlaufen nie unilateral, wäre als Schluss ein Blick auf die Kehrseite des Bildes lohnenswert: Erscheint Europa in den Werken mexikanischer Autoren als Geliebte Mexikos?

Mitnichten. Der mexikanische Literaturnobelpreisträger Octavio Paz schreibt etwa: "Die Christen lieben ihre Nächsten nicht. [] Die Geschichte lehrt uns, dass sie, wo sie ihnen begegnet sind, sie bekehrt oder vernichtet haben."

In den Büchern der jungen Generation erscheint Europa als Chiffre. So beschreibt Valeria Luiselli in Archiv der verlorenen Kinder (2019) die Migrationssproblematik an der Grenze Mexikos, die nur allzusehr an jene an Europas Außengrenzen erinnert.

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