WISSENSCHAFTLICHE BÜCHER AUS ÖSTERREICH

EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN
vom 21.10.2020

Gesamtwerk und erstmals veröffentlichte Gedichte des österreichischen Lyrikers

Raben, junge Mägde, eine ominöse Schwester sowie mythologische Gestalten bevölkern die Gedichte von Georg Trakl (1887-1914), der wenige Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs in einem Krakauer Lazarett starb. Dessen Ästhetik in nuce: "Gefühl in den Augenblicken totähnlichen Seins: Alle Menschen sind der Liebe wert

dein Gedicht eine unvollkommene Sühne." Das Gesamtwerk von Österreichs bedeutendstem Lyriker, der zu Lebzeiten nur einen einzigen Gedichtband veröffentlichte, in einer um neue Funde ergänzte Ausgabe samt Briefen als Pflichtlektüre.

Georg Trakl (Hg. Hans Weichselbaum): Dichtungen und Briefe, Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien 2020,617 S.

Was das Wien von 1927 mit dem heutigen verbindet

Der Baedeker nötigt Bildungsbeflissene seit jeher, das Wichtige zu betrachten. In diesem Sinn beschreibt Ludwig Hirschfeld in neunzehn schwungvoll verfassten, feuilletonistischen Kapiteln das Wien des Jahres 1927 und das, was davon bis heute interessant geblieben ist: Die rohe Gartenmauer um das Palais Rothschild, Kraftkutscher, die Charlestongarnierung zum Wiener Schnitzel, Absteigequartiere Österreich-Ungarns, den Zahlmarkör, Max Reinhardt in der Josefstadt und warum hier so oft gefragt wurde: "Ist er ein Jud?" Samt Nachwort zum Autor, der 1942 in Auschwitz verstarb.

Ludwig Hirschfeld: Wien -Was nicht im Baedeker steht Milena Verlag 2020,256 S.

Der Sieg der Avantgarde im 20. Jahrhundert

Der alte Traum der Avantgarde propädeutisch zusammengefasst und dem Gegenstand entsprechend mustergültig illustriert und aufbereitet: Von der Leningrader Futuristen-Oper Sieg über die Sonne aus 1913 und dem Schwarzen Quadrat des Kazimir Malewitsch bis zur Begeisterung europäischer Künstler für moderne Technik, die neue Medien wie Film und Fotografie erst ermöglichte. Lenins Entscheidung zugunsten Henry Fords Arbeitsorganisation und Fließbandkonzeption bleibt ausgespart. Im Kino und bei den Grafikern feierte der Kommunismus einen Sieg.

Klemens Gruber: Die polyfrontale Avantgarde. Medien und Künste 1912-1936 Verlag Sonderzahl 2020,250 S.

Der Supernazi, der der Todesstrafe entging

"Solche jungen Männer braucht die Partei, braucht Deutschland!" schmeichelte Adolf Hitler dem achtzehnjährigen angehenden Studenten der Germanistik und Kunstgeschichte, Baldur von Schirach. Als Reichsjugendführer schwört er die "Hitlerjugend" auf die "braune Revolution" ein und träumt von einem faschistischen Europa unter deutscher Führung. Beinahe gelingt ihm der Karrieresprung zum Kronprinzen des "Führers". Als Gauleiter von Wien lässt er Juden in die Todeslager deportieren. 1946 wird er in Nürnberg zu zwanzig Jahren Haft verurteilt.

Oliver Rathkolb: Schirach. Eine Generation zwischen Goethe und Hitler Molden Verlag 2020,352 S.

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