ANTHROPOLOGIE

Adipositas als Zeichen von Reichtum

Wenn sich nichts gravierend ändert, wird in fünfzehn Jahren die Hälfte der Weltbevölkerung adipös sein. Im Inselstaat Nauru sieht man das positiv

SOPHIE HANAK
vom 04.11.2020

Skulpturen wie die berühmte Venus von Willendorf aus der Steinzeit weisen darauf hin, dass es schon immer adipöse Menschen gegeben haben muss. Heute sind Menschen, die man umgangssprachlich "fettleibig" nennt, überall auf der Erde verbreitet, ihre Anzahl hat sich seit dem Jahr 1975 fast verdreifacht.

Die Ursachen dafür können sehr unterschiedlich sein, haben aber meist einen wirtschaftlichen und sozioökonomischen Ursprung. "Vor allem in Haushalten, in denen wenig gekocht wird, ist Adipositas zu beobachten. Eine sehr große Rolle spielt auch die Getränkeindustrie, denn in den meisten Softdrinks ist sehr viel Zucker enthalten", sagt Harald Mangge vom Klinischen Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik der Medizinischen Universität Graz.

Nicola Twilley schreibt im New Yorker vom 28. September 2020: "Wenn wir so weitermachen, ist innerhalb der nächsten fünfzehn Jahre die Hälfte der Weltbevölkerung übergewichtig oder adipös."

Auch Migration spielt eine große Rolle. "Immigranten haben häufig Integrationsprobleme, sind auf Arbeitssuche und haben wenig Geld. Oft ist fettes oder zuckerhaltiges Essen billiger als frisches, kalorienarmes Essen", sagt Mangge.

In Österreich ist ein deutliches Ost-Westgefälle zu beobachten: So leben in Tirol und Vorarlberg weniger adipöse Menschen als in Wien. "Das hat mehrere Ursachen. Der Lebensstil ist einer der wesentlichen Faktoren. In Tirol gehen Menschen öfter in die Berge als in einer Großstadt wie Wien", erklärt Mangge. In den letzten dreißig Jahren ist in Österreich das Körpergewicht der Menschen im ländlichen Raum im Vergleich zur Stadt gestiegen.

Europaweit, so könnte man meinen, gebe es vor allem in Italien oder Griechenland mit ihrer viel gelobten, mediterranen Kost kaum adipöse Menschen. Doch auch in diesen Regionen ist Adipositas auf dem Vormarsch, denn auch hier verändern sich die Ernährungsweisen. Bei jungen Menschen kommt es zu einem neuen Nord-Süd-Gefälle: In den südlichen Ländern leben dreimal so viele übergewichtige oder adipöse Kinder wie in Schweden oder in der Schweiz. Auch in Asien werden seit einigen Jahren aufgrund der Verwestlichung der Lebensweise, wozu der Genuss von Fast Food und wenig Bewegung gehören, die adipösen Menschen immer mehr. Allerdings leben in dieser Region auch die wenigsten Adipösen, nämlich in Vietnam und Bangladesch.

In den USA hat um das Jahr 1800 der durchschnittliche Amerikaner sein Leben lang nie ein Zuckerl gekostet, schreibt Twilley in "How Sweet It Is". Damals gab es keine Zuckerindustrie. Heute droht bald jedem sechsten Einwohner Diabetes, siebzig Prozent der Bevölkerung machen sich wegen des Zuckers Sorgen. Im Jahr 1960 waren weniger als vierzehn Prozent der Erwachsenen in den USA adipös, heute sind es vierzig Prozent.

"Anfangs wurden vorrangig in den USA und in Europa adipöse Menschen gezählt. Seit den 1980er und 1990er Jahren hat sich das geändert", sagt Sylvia Kirchengast, Anthropologin an der Universität Wien. "Wir beobachten den Anstieg an Adipösen weltweit, vor allem in Brasilien, Indien, China. und Mexiko. Seit den 2000er Jahren hat der mikronesische Inselstaat Nauru im Pazifischen Ozean den höchsten Anteil an adipösen Menschen, fast siebzig Prozent der Bevölkerung." Das hat genetische Ursachen: Die ersten Bewohner kamen mit Booten vom Festland auf die Inseln. Überlebt hat nur, wer ein Optimum aus der Nahrung herausholen und Energie in Form von Fett gut speichern konnte.

Nach der Unabhängigkeit der Insel Nauru von Australien 1968 machte der Phosphatabbau viele Bewohner vermögend. So kam es zu einer Änderung der Lebensweise durch reduzierte körperliche Aktivitäten und den Konsum westlicher Nahrungsmitteln. "Als sich die wirtschaftliche Situation durch ein Ende des Phosphatabbaus verschlechterte, blieb dies so. Adipositas wird in Nauru positiv bewertet, da Fettleibigkeit als Zeichen von Reichtum gilt", erzählt Kirchengast.

Hingegen sind in den meisten Regionen der Erde adipöse Menschen oft mit Hass und Diskriminierung konfrontiert. Besonders stark ist die Diskriminierung im Gesundheitswesen, am Arbeitsplatz, in der Bildung, in persönlichen Beziehungen und in den Medien. Eine Fettakzeptanzbewegung versucht, dies zu beenden.

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