SOZIALKRITIK

Angriffsfläche für wütende Männer

Dafür eignen sich dicke, weibliche Körper ganz besonders - unter dem Deckmantel der Sorge um die Gesundheit

STEFANIE SARGNAGEL
vom 04.11.2020

Als Frau, leicht übergewichtig und häufig in der Öffentlichkeit zu sehen, ist mein Körper beliebte Angriffsfläche für wütende Männer. Auch Journalisten der Zeit haben Artikel darüber verfasst, es sei verwunderlich, dass ich blade Frau als Autorin so populär bin.

In den meisten Zeitschriften sind die wenigen Frauen, die überhaupt abgebildet sind, jung und hübsch. Die Menschen sind also kaum gewohnt, Frauen, die nicht allen Schönheitsidealen entsprechen und adrett gekleidet sind, abgebildet zu sehen. Es gibt einen Prototyp des erlaubten Frauenkörpers. Auch wird es als Angriff aufgefasst, wenn irgendwo einer auftaucht, dessen Hauptaufgabe nicht Dekoration ist. Männer schreiben dann Kommentare wie: Wieso zeigt ihr mir eine Frau, die ich nicht in meinen Träumen vögeln will? Eine, die sogar gleich alt wie ich ist?! Frechheit!

Generell hat sich das weibliche Ideal etwas verschoben, von androgyner Size Zero zu großen Hintern und schmalen Taillen, wohl unter dem Einfluss afroamerikanischer Popkultur. Ich folge einigen Instagram-Accounts, die dicke oder alte Körper schön, selbstbewusst, stylish und liebevoll inszenieren und nicht als Problem. Das hat tatsächlich einen spürbar entspannenden Effekt auf die Psyche. Ich kenne viele dicke Frauen, die sich seit diesen Bildern modisch viel weniger scheißen und mehr Spaß haben.

Ich bin umgeben von talentierten Frauen, die sich vermeintlich nicht stark über ihren Körper definieren. Trotzdem sind die, die noch nie an einer Essstörung litten oder leiden, in der Minderheit. Das ist ein Tabu in unserer Gesellschaft. Bei Essstörungen denkt man an eine abgemagerte Frau kurz vor der Ohnmacht. Die Wahrheit ist: Essstörungen sieht man nicht, denn es gibt verschiedene Formen. Derselbe Körperbau zeigt bei dem einen Menschen ein entspanntes Verhältnis zum Essen, beim anderen ist er Ergebnis einer Essstörung. Die geschätzte Dunkelziffer bei Bulimie ist riesig und nimmt sogar bei Männern zu. Darüber könnte man durchaus mehr sprechen.

Im Gegensatz zu anderen Süchten, Problemen und Makeln, die Menschen in irgendeiner Form haben, trägt man sie als stark übergewichtiger Mensch offensichtlich vor sich her. Abweichungen von der Norm sehen viele Menschen bei Übergewicht als selbstverschuldet an. Deshalb greifen normale Mechanismen des Minderheitenschutzes nicht. Man "sorgt sich um die Gesundheit", als würden sich fettleibige Menschen nicht ohnehin ununterbrochen Gedanken über ihr Gewicht machen. Wer sich um die Gesundheit anderer sorgt, ist doch nicht übergriffig und entmündigt oder demütigt seine Mitmenschen doch nicht. In Wirklichkeit fühlen sich solche Gesundheitsapostel enthemmt, ihre Verachtung auf Menschen abzuladen, die eine offensichtliche Angriffsfläche bieten.

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