Das große Saugen

Eine speziesübergreifende Allianz gegen die Ausbeutung weiblicher Reproduktionsarbeit

KERSTIN WEICH
vom 04.11.2020

Die Frage der Ernährung begegnet uns allen zunächst in Form der Mamma, also der Brust. Der Beginn des Lebens, der Eintritt in den Mangel, in die Notwendigkeit von Ernährung, ist dem Menschen als eine Erfahrung des Saugens gegeben. Eine intime und existenzielle Erfahrung, denn an der Brust genährt werden und sich nähren bedeutet ein Überleben in vielfacher Hinsicht.

Nicht nur diätetische Bedürfnisse werden gestillt, sondern auch jene nach Wärme, Trost und Sicherheit. Dass sich die (über) lebensnotwendige Befriedigung von Grundbedürfnissen nicht nur auf Mutter und Kind beschränkt, zeigt der Sprachgebrauch: Man spricht von "Stillen", wenn eine Mutter ihr Kind säugt. Die Stille ist dabei wörtlich gemeint, als eben die Stille, die das schreiende Kind zerstört und damit das Zusammensein aller stört, und die mit dem Akt des Gesäugt-/Gestillt-Werdens wiederhergestellt wird. Vom Stillen hat also nicht nur das Kind etwas, sondern auch alle drum herum.

Eine Gemeinschaft auf der Grunderfahrung der Ernährung

Welchen Stellenwert dieser Zusammenhang zwischen nährender Mutter, gesäugtem Kind und der (Wieder-)Herstellung einer Gemeinschaft hat, findet sich in der abendländischen Kunstgeschichte tausendfach illustriert. Die Darstellungen von Maria und dem Jesuskind in der christlichen Ikonografie beruhen auf dem tiefen Zusammenhang zwischen einer Gemeinschaft und dem sich Ernähren, dem Nähren anderer. Nicht selten findet sich in den Darstellungen Marias Brust im Zentrum, aus der im hohen Bogen ein Milchstrahl austritt.

Mit der Milch wird sichtbar, was sonst im Dunkel von kindlich saugendem Mund und mütterlich stillender Brustwarze bleibt und immer nur mitgesagt, mitgemeint wird, wenn vom Stillen die Rede ist. Dieser Kurzschluss wird von der isolierten Darstellung der Milch aufgebrochen. Oder: Von der Milch aus gesehen ist offen, wer hier an wem saugt, wer genährt wird, wer nähren darf, kann oder muss, und unter welchen Bedingungen.

Offen ist auch, welche Art der Gemeinschaft auf der Grunderfahrung der Ernährung gestiftet wird. Geht es um Milch, ist klar, dass es sich nicht um eine rein menschliche Gemeinschaft handelt. Stattdessen stiften das Saugen und Säugen wechselhafte Beziehungen unter verschiedenen Säugetieren.

Denn die Mammae, an denen die meisten Menschen saugen, sind die Euter von Kühen. Die meisten Kühe wiederum säugen nicht ihre Kälber, sondern den Melkroboter und seinen unstillbaren Hunger. Die Kälber wiederum saugen den sogenannten "Milchaustauscher" als Ersatz für die Milch ihrer Mütter aus Gummizitzen. In der spiegelbildlichen Vermarktung von Milchpulver für die Säuglingsernährung wurden stillende Mütter als unverantwortlich und rückständig markiert.

Die Verwendung von Milchpulverzubereitungen als Muttermilchersatz konnte hingegen als hygienisch und fortschrittlich verkauft werden. Milch, genauer gesagt, Kuhmilch, bleibt ein wichtiger Bestandteil im kindlich-europäischen Speiseplan. Statt Mangel herrscht hier Überfluss, entsprechend beschäftigt die Frage, inwiefern kindliche Adipositas mit zu viel Kuhmilch zusammenhängt, immer wieder die Forschung -mit wechselnden Resultaten.

Von der tierlichen Seite her berichten Tierärzte von Kälbern in Seitenlage, bei denen nur eines diagnostiziert werden kann: Hunger. Selbst wenn der Kalorienbedarf gedeckt ist, fehlt es den Kälbern an Trost. Davon zeugen die "Viehsaugentwöhner", eine Art mit Stacheln besetztes Nasen-Piercing, mit denen Kälbern das Saugen an ihren Altersgenossinnen abgewöhnt wird. Jeder Saugversuch wird damit zum schmerzhaften Angriff, gegen den sich die besaugten Altersgenossinnen zur Wehr setzen.

Gemeinsamkeiten zwischen Kühen und Müttern, Brüsten und Eutern

Mütter und Kälber, Kühe und Kinder sind im großen Saugen eng miteinander verwoben. Zugleich führt die historisch relativ neue Erfindung einer grundlegenden Unterscheidung zwischen Menschen und Tieren auch hier eine Trennung ein: Hier die Menschen, Mütter und Kinder, und dort die Tiere, Kühe und Kälber. Weil das eine Menschen und das andere Tiere sind, sei das Stillen von Kindern etwas grundsätzlich anderes als das Säugen von Kälbern.

Die intimen Verflechtungen des wechselseitigen Saugens und Säugens und ihr Stellenwert im politischen Akt der Kollektivierung fordern jedoch, diese Trennmauer im Denken zu durchbrechen. Das verlangt, die Unterschiede nicht aufzugeben.

Humane und bovine Mütter sind nicht das Gleiche. Eine künstliche Besamung einer Kuh oder einer Frau ist auch nicht das Gleiche wie die Vergewaltigung einer Frau. Gleichzeitig gilt es, die tierliche Andersheit nicht auf die Rolle des Opfers zu reduzieren. In der knallharten Ökonomie der Milchindustrie werden Kühe und Kälber auf viele Arten Opfer unterschiedlicher Formen von Gewalt. Wie diese Realitäten kritisiert werden können, ohne die bestehenden Machtverhältnisse zu reproduzieren, hat der Wiener Philosoph Fahim Amir in seinem Buch Schwein und Zeit gezeigt. Ein guter Weggenosse also, wenn es jetzt darum geht, eine Artikulation der Gemeinsamkeiten zwischen Kühen und Müttern, zwischen Brüsten, Eutern, Milch, Saugen und der Frage des Ernährens anzustoßen.

Für die Gemeinsamkeit, die in einer kapitalistischen Gesellschaft zwischen Kühen und Müttern hergestellt wird, gibt es einen Namen: "weibliche Reproduktionsarbeit".

Wer versucht, Kühe aus dieser Form der Arbeit auszuschließen, betritt ein Terrain, das vom Feminismus erfolgreich vermint werden konnte. Manche behaupten, ein Tier unterscheide sich dadurch vom Menschen, dass es weder arbeiten noch ausgebeutet werden kann. Mit diesem Vorurteil wird die Arbeit und Leistung einer Kuh schnell in eine biologisch-natürliche Funktion umgelogen: Was die Kühe machen, das machen sie ja "ohnehin", das ist doch "natürlich" und geht "quasi von allein". Treffender kann man die Entwertung weiblicher Reproduktionsarbeit kaum wiederholen.

Einen Ausweg bietet der Blick auf die Arbeitsbedingungen und ihre Auswirkungen auf die Arbeiterinnen. Kühe arbeiten 365 Tage im Jahr. Zur Veranschaulichung der Arbeit, Futter in Milch umzusetzen, wird die Tagesleistung einer Milchkuh mit der eines Tour-de-France-Radlers verglichen. Besonders beansprucht werden dabei die Geschlechtsorgane. Die Bekämpfung von Entzündungen des Euters sowie von Ovarialzysten, welche die Fruchtbarkeit hemmen, sind zur Aufrechterhaltung der Produktion notwendig.

Nachdem ich einer tierärztlichen Kollegin geholfen hatte, die bei einer Geburt vorgefallene Gebärmutter einer Kuh wieder zu reponieren, klopfte diese ihr aufmunternd auf den Hintern und sagte: "Na, Kuhmutti, jetzt musst du noch eine Runde malochen." Die Einsicht aus dem brandenburgischen Milchbetrieb, dass die Kuh als "Mutti" "malocht", muss dem Vorurteil einer grundsätzlichen Andersheit von Mensch und Tier entgegengesetzt werden.

Bildung einer speziesübergreifenden, strategischen Allianz

Die Philosophin Silvia Federici hat ausgeführt, wie die Ausbeutung und die Entwertung weiblicher Reproduktionsarbeit Bedingung für die Etablierung des Kapitalismus war und bis heute ist: Dreißig bis vierzig Prozent des österreichischen BIP werden durch unbezahlte Reproduktionsarbeit geleistet, achtzig Prozent davon von Frauen. In Analogie wird die weltweite Bestäubungsarbeit von Insekten als "Ökosystemdienstleistung" mit 235 bis 577 Milliarden US-Dollar jährlich beziffert. Mindestens Zeit, für die Milcharbeiterinnen geregelte Arbeitszeiten, Mutterschutz, Urlaubsanspruch, Krankenversicherung und Pensionskasse zu fordern.

Dahinter steht die Bildung einer speziesübergreifenden, strategischen Allianz im Widerstand gegen die Entwertung und Ausbeutung weiblicher Reproduktionsarbeit. Dies könnte Vorbild für die Überwindung einer Politik sein, die so tut, als könne die Frage des (Er-)Nährens aus dem Gemeinschaftlichen so einfach wegrationalisiert werden wie der "Mutterinstinkt" aus den bovinen Milcharbeiterinnen.

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